Nieselregen in Planegg, südwestlich von München. Christian Frohna steht hochkonzentriert an der Seitenlinie des Fußballplatzes. Der 29-Jährige, groß gewachsen und sportlich, trägt seine offizielle DFB-Ausrüstung. Er nimmt seinen Job ernst, das merkt man sofort. Eltern rufen ins Spielfeld, Trainer geben Anweisungen. Doch Christian schaut fast nur auf einen: Youssef Kratou, 14 Jahre alt, Jungschiedsrichter bei seinem allerersten Spiel.
"Es ist schön, Teil seiner Schiedsrichtererfahrung zu sein und dafür zu sorgen, dass ihm das gut gefällt", sagt Frohna. Der 29-Jährige ist Schiedsrichterbetreuer. Einer von denen, die Nachwuchsschiris bei ihren ersten Einsätzen begleiten. Denn viele junge Schiedsrichter hören schnell wieder auf – nicht wegen des Nieselregens oder des Laufens, sondern wegen des Tons auf den Fußballplätzen.
Übergriffe auf Schiedsrichter
"Nach der Schule bist du tot." Diese grausamen Worte musste sich ein Nachwuchsschiedsrichter erst Ende letzten Jahres bei einem Jugendspiel anhören – es ist nur ein Beispiel von vielen. Zwar zeigen die Zahlen des Bayerischen Fußball-Verbands zuletzt leicht sinkende Gewalt- und Diskriminierungsvorfälle bei den Schiris: In der Spielzeit 2024/25 kam es bei allen Partien in Bayern zu 444 Vorkommnissen (Gewalt: 296, Diskriminierung: 174). Das entspricht wie schon im Vorjahr einem Anteil von 0,24 Prozent aller Spiele.
Doch erfahrene Schiedsrichter wie Frohna sagen: Die Dunkelziffer ist groß. Viele Beleidigungen, Bedrohungen oder aggressive Situationen würden nicht gemeldet. Gerade verbale Angriffe gehörten für viele Referees längst zum Alltag.
Auch Frohna hat schon Drohungen erlebt. Nach einem Spiel wurde ihm gedroht, man könne seine Reifen "schon finden". Anzeigen oder melden? Passiert – aber eben nicht immer. "Es gibt viele Situationen, die unterhalb der großen Schlagzeilen bleiben", erzählt Frohna. Gerade deshalb sei es wichtig, junge Schiedsrichter nicht alleine auf die Plätze zu schicken.
Der erste Einsatz
Vor dem Spiel kontrolliert Frohna mit Youssef noch einmal die Ausrüstung. Spielkarte, Pfeife, Münze. Kleine Routine, große Wirkung. "Nervosität ist dabei, aber ich krieg’s hin", sagt der 14-Jährige. Dann geht es raus auf den Platz. FC Planegg-Krailling gegen Unterhaching II, D-Jugend. Für Youssef beginnt sein erstes Spiel als Schiedsrichter – und für Christian die Aufgabe, gleichzeitig Beobachter, Coach und Schutzschild zu sein. Anfangs wirkt Youssef noch vorsichtig. Entscheidungen trifft er ruhig, manchmal etwas zögerlich. Christian notiert sich Szenen, beobachtet Körpersprache und Kommunikation.
Wenn der Ton kippt
In der Halbzeit gibt er Tipps: lauter sprechen, klarer auftreten, mehr Präsenz zeigen. Und tatsächlich wirkt Youssef danach sicherer. Doch mitten in der zweiten Hälfte kippt kurz die Stimmung. Nach einer Entscheidung beschwert sich ein Trainer lautstark an der Seitenlinie. "Das ist doch klares Abseits!" Erst ein Kommentar, dann mehrere. "Das muss er doch sehen!" Der Ton wird schärfer.
Christian reagiert sofort. Ruhig, aber bestimmt stellt er sich dazwischen. "Ruhig jetzt", sagt er deutlich in Richtung Trainerbank. Genau dafür sind Schiedsrichterbetreuer da. Sie sollen junge Schiris schützen, bevor Situationen aus dem Ruder laufen. Viele Nachwuchsschiedsrichter seien mit solchen Momenten überfordert, sagt Frohna. Vor allem, wenn Erwachsene plötzlich laut werden. "Mit 14 auf einem Platz zu stehen und sich gegen Trainer oder Eltern behaupten zu müssen – das ist nicht selbstverständlich."
Mehr als nur Regeln
Die Schiedsrichtergruppe München Süd zählt derzeit 35 neue Nachwuchsschiedsrichter – ein leichter Aufwärtstrend. Doch die Verantwortlichen wissen: Entscheidend ist nicht nur, neue Schiris zu gewinnen, sondern sie auch zu halten.
Christian Frohna versucht deshalb, mehr zu vermitteln als nur Regelauslegung. Es gehe auch darum, Sicherheit zu geben und jungen Menschen zu zeigen, dass sie auf dem Platz nicht alleine sind. Als Youssef nach dem Schlusspfiff den Platz verlassen will, kommen mehrere Eltern auf ihn zu, geben ihm die Hand und loben seine Ruhe. Für Christian sind genau solche Momente wichtig: Positive Erfahrungen statt Frust.
Später sitzen die beiden in der Kabine. Letzte Analyse, letztes Feedback. Für die nächsten zwei Spiele wird Christian weiter an Youssefs Seite stehen. Damit aus einem ersten Einsatz vielleicht eine lange Schiedsrichterkarriere wird.
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