Eigentlich ist es ein schönes Fest: Die Absolventen des Masterstudiengangs für klinische Psychologie und Psychotherapie an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München feiern ihren Abschluss. Doch kaum eine Rede, bei der nicht die Einsparungen für Psychotherapeuten eine Rolle spielen. Eine der Absolventinnen ist Luisa Giesler. Viele ihrer Kommilitonen, so sagt sie im Gespräch mit BR24, beschäftige die Frage, ob es sich überhaupt noch lohne, in die kassenärztliche Versorgung zu gehen. "Geh doch lieber zu einer Unternehmensberatung" – diesen Ratschlag höre sie immer wieder. Dabei habe sie sich bewusst für ihr Studium entschieden, um Menschen in psychischer Not zu helfen.
Psychotherapeuten beklagen Unsicherheit über Vergütung
Hintergrund für die Unsicherheit unter den Absolventen ist die kürzlich vom Bundestag beschlossene Reform der Gesetzlichen Krankenversicherung. Sie hat das Ziel, die Kosten für die Beitragszahler zu begrenzen. Dazu gehört auch eine Deckelung der Budgets für psychotherapeutische Behandlungen.
Die Folge sei, so beklagt der Münchner Psychotherapeut Zubin Farahani, dass die Höhe der Vergütungen ab dem kommenden Jahr völlig ungewiss sei: "Man könnte sagen, wir werden in eine Art Zwangsteilzeit geschickt für die Versorgung gesetzlich Versicherter." Für ihn bedeute das, dass er gesetzlich Versicherten aktuell kaum noch ein Therapieplatzangebot machen könne – "denn ich weiß nicht, ob ich sie über das laufende Jahr hinaus adäquat behandeln kann." Manche Psychotherapeuten würden sich stärker auf Privatpatienten konzentrieren, andere sagten: "Dann mache ich dicht."
Haben Einsparungen langfristig höhere Kosten zur Folge?
Die Einsparungen hätten also bereits jetzt Folgen für die Versorgungslage von Patienten – so die Warnung von Psychotherapeuten wie Farahani. Dabei könnte die psychotherapeutische Unterstützung Menschen in Belastungssituationen helfen, ins Arbeitsleben zurückzukehren. Das sei auch ein wirtschaftlicher Faktor, betont Farahani.
Das hat auch die Politik im Blick. In einem Entschließungsantrag, den die Fraktionen von CDU/CSU und SPD im Bundestag zusammen mit der Gesundheitsreform verabschiedet haben, heißt es: "Einschränkungen in der Versorgung würden zu erheblichen finanziellen Mehrbelastungen der Solidargemeinschaft der gesetzlich Versicherten in der Zukunft führen." Eine kontinuierliche Versorgung der Patienten sei daher entscheidend.
Korrekturen geplant: "Extrabudgetäre Finanzierung"
Die Koalitionsfraktionen setzen sich auch für einige Korrekturen an der bereits beschlossenen Reform ein, wie die CSU-Gesundheitspolitikerin Emmi Zeulner erläutert: "Wir werden es zum Beispiel weiterhin ermöglichen, dass Kinder- und Jugendpsychotherapie extrabudgetär vergütet werden kann." Außerdem soll die Finanzierung von schwer psychisch kranken Versicherten gesichert werden, ebenso wie die von Patienten, deren Fälle als dringlich eingestuft werden. Mit diesen Maßnahmen würden wesentliche Forderungen der Psychotherapeuten umgesetzt, sagt die oberfränkische CSU-Bundestagsabgeordnete.
Sorge vor Nachwuchsmangel
Von Verbandsvertretern wird das durchaus gewürdigt. Nikolaus Melcop, der Präsident der Psychotherapeutenkammer Bayern, begrüßt, dass in dem Entschließungsantrag "die hohe gesellschaftliche Bedeutung der psychotherapeutischen Versorgung ausdrücklich gewürdigt wird". Die drohenden Probleme würden mit den geplanten Maßnahmen aber nur gelindert und nicht gelöst: "Wenn nichts getan wird, wird sich die psychotherapeutische Versorgung verschlechtern." Auch er fürchtet einen Mangel an Nachwuchs, wenn die Arbeit nicht mehr als attraktiv angesehen wird.
Anfang September will sich der Bundestag mit den Korrekturen bei der Finanzierung psychisch Kranker beschäftigen. Bis dahin wollen die Psychotherapeuten das Gespräch mit den Abgeordneten suchen. Zubin Farahani lädt sie ein: "Kommen Sie in die Praxis, schauen Sie sich die Versorgungsrealität an – dann treffen Sie nachhaltige und sinnvolle Entscheidungen."
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