Es ist kurz vor acht Uhr morgens in München-Trudering. Vor der Grundschule an der Turnerstraße ist Hochbetrieb. Kinder rennen über den Gehweg Richtung Eingang, fahren mit ihren Rollern über den Zebrastreifen. Eine Schülerlotsin versucht das Chaos in den Griff zu bekommen. Schulbusse halten – und immer wieder Elterntaxis.
Vater fotografiert Falschparker vor Schule
Autos kommen, parken halb auf dem Bürgersteig, die Kinder springen heraus. Der dreifache Vater Andreas R. ist fassungslos: "Als ich das zum ersten Mal gesehen habe, war ich erschrocken, wie rücksichtslos die Eltern hier ihre Fahrzeuge abstellen und Kinder gefährden."
Wenn Andreas R. einen Falschparker sieht, zückt er sein Handy, macht ein Foto, schickt es zur zuständigen Polizeiinspektion. Knapp 70 Autofahrerinnen und Autofahrer hat er inzwischen fotografiert, zum Teil mehrfach. Die Folge: eine dreistellige Bußgeld-Summe fürs Mehrfachfalschparken.
Im Kampf gegen Elterntaxis eskaliert die Lage
Die Verkehrssituation vor der Schule, die Elterntaxis und das Vorgehen des Vaters: Für viele Eltern ist das eine schwierige Situation. "Ich finde es furchtbar, zum einen, weil es schon schwierig ist mit den Autos in der Früh. Zum anderen ist es aber auch furchtbar, was er macht", sagt eine Mutter, die anonym bleiben möchte. Die Stimmung sei so aufgeheizt, dass sie von einem "Viertelkrieg" spricht.
Mittlerweile erhält Andreas R. regelmäßig Drohungen: In der Nähe der Grundschule klebt etwa ein Zettel. Darauf steht der vollständige Name von Andreas R., seine Adresse und der Hinweis, dass er für die Anzeigen verantwortlich ist.
Und: Ein Autofahrer hat sich bei der Datenschutzbehörde beschwert. Sie prüft nun, ob Andreas R. beim Fotografieren der Kennzeichen alle Datenschutzpflichten eingehalten hat und ob er Falschparker in Zukunft überhaupt noch auf diese Weise melden darf.
Eine Lösung gegen Elterntaxis: Schulstraßen
Städte, Kommunen, Schulen und Eltern in Bayern kämpfen mit verschiedenen Mitteln gegen Elterntaxis. Die Ideen reichen von Kiss-and-Go-Zonen in der Nähe von Schulen - wie etwa in Ebersberg - über Schulweghelfer bis hin zu Schulstraßen. Für letztere werden Straßenabschnitte rund um Schulen für den Autoverkehr zeitweise gesperrt, meist morgens vor Schulbeginn und nach Schulschluss – durch Fahrverbotsschilder, Schranken oder Poller.
Schulstraßen in Erlangen und München
Wie viele Schulstraßen es in Bayern gibt, konnte das zuständige Innenministerium auf BR24-Anfrage nicht mitteilen. Die erste Schulstraße wurde im September vergangenen Jahres in Erlangen eingerichtet. Eine zweite folgte jetzt in München. Beide sind Pilotprojekte.
Um eine Schulstraße einzurichten, muss eine außergewöhnliche Gefahrenlage vorliegen, die über das normale Verkehrsrisiko hinausgeht, so der ADAC. Grundlage dafür sei die bundesweit geltende Straßenverkehrsordnung, die StVO.
Zeitlich befristete Verkehrsverbote, also Schulstraßen, könnten laut Bayerischem Innenministerium nur "ultima ratio" sein, wenn also alle anderen Maßnahmen ausgeschöpft sind. Die Schulstraßen in Erlangen und München hätten durchaus Signalwirkung für ganz Bayern, so der ADAC.
Trotz Verfahren und Drohungen: Vater fotografiert weiter
Auch Vater Andreas R. wünscht sich am liebsten eine Schulstraße vor der Grundschule an der Turnerstraße. Aber er ist realistisch: So schnell wird die nicht kommen. Die Drohungen und das laufende Verfahren lassen ihn nicht kalt.
Aufhören will er trotzdem nicht. Er sagt, seit er Anzeigen stelle, sei die Zahl der Falschparker deutlich gesunken. "Dadurch, dass ich eine Verbesserung sehe, fühle ich mich bestätigt, dass das der richtige Weg ist." Denn die Sicherheit seiner Kinder gehe ihm absolut vor. Er könnte es sich nicht verzeihen, wenn seinem oder einem anderen Kind etwas passiert, nur weil es bequemer wäre, damit aufzuhören.
Im Video: Elterntaxis als Sicherheitsrisiko?
Parkverbotsschild vor Grundschule
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