Darum geht's:
- In München können Wahlhelfer in vorher abgesprochenen "Wunschteams" zusammenarbeiten. Das erleichtere Absprachen und Manipulation der Wahl, behaupten manche.
- Experten und die Stadt sagen allerdings, relevante Manipulationen des Wahlergebnisses seien extrem schwierig.
- Der Betrug könnte wegen der öffentlichen Kontrolle im Wahlraum von anderen entdeckt werden. Bei auffälligen Ergebnissen wird nachgezählt. Auf diesem Weg können Manipulationen entdeckt werden.
In Bayerns Landeshauptstadt dürfen bei den Kommunalwahlen am 8. März mehr als eine Million Bürgerinnen und Bürger wählen. 14.000 Wahlhelferinnen und Wahlhelfer sind im Einsatz. Sie überwachen beispielsweise die Vorgänge in den Wahlräumen und zählen die Stimmzettel aus.
Ein Team, das in einem Wahllokal diese Aufgaben übernimmt, wird "Wahlvorstand" genannt. Es gibt in München auch Briefwahlvorstände, die nur Briefwahlstimmen auszählen. Für die Kommunalwahl sind in München 1.376 Wahlvorstände vorgesehen.
"Wunschteams": Wahl-Einsatz mit Freunden, Familien oder Kollegen
Für die Helfer gibt es einen Anreiz: sogenannte "Wunschteams". Die Stadt München schreibt auf ihrer Webseite: "Wahlhelfende können sich für die Kommunalwahlen 2026 wieder gemeinsam mit Freund*innen, Familie und Kolleg*innen als Wunschteam von bis zu acht Personen für die Auszählung der Briefwahl anmelden." Diese Wunschteams kommen sowohl bei der Briefwahl als auch bei der Urnenwahl zum Einsatz, schreibt das Kreisverwaltungsreferat München (KVR) auf #Faktenfuchs-Anfrage.
Es werden dabei aber keine Wahlvorstände eingesetzt, die ausschließlich aus einem Wunschteam bestehen, schreibt die Stadt. Es sind immer mindestens noch zwei andere Personen im Wahlvorstand vertreten. Die Wahlvorstände in München sind jeweils mit mindestens zehn Personen besetzt, so das KVR.
Diese "Wunschteams" irritieren. "Das lädt doch zu Mißbrauch durch vorherige Absprachen und potentiell ähnliche Wahlpräferenzen der Teammitglieder ein!", schreibt jemand auf der Plattform X. Es mache den "Betrug leichter", wenn man als "abgekartetes Team" arbeite, schreibt jemand anderes.
Experten und die Stadt München sagen, Manipulationen des Wahlergebnisses durch Wahlhelfer seien extrem schwierig.
Die Stadt München und zwei vom #Faktenfuchs befragte Experten verweisen allerdings auf die bestehenden Sicherungsmaßnahmen: Besonders die Tatsache, dass weitere Wahlhelfer, Bürger, Wahlbeobachter und Mitarbeiter der Stadt anwesend sind, mache Wahlbetrug schwierig.
Zudem könnten einzelne manipulierte Ergebnisse im Bild des Gesamtergebnisses auffallen und bei einer Nachzählung entdeckt und korrigiert werden. Letztlich sei auch der Aufwand bei einer Kommunalwahl in München sehr groß, um im relevanten Umfang Wahlergebnisse zu manipulieren.
Was sind Wunschteams?
Ein "Wunschteam" bestehe bereits, wenn sich zwei Personen gemeinsam anmelden und im gleichen Wahlvorstand eingeteilt werden möchten, schreibt das KVR der Stadt München auf #Faktenfuchs-Anfrage. Diese Praxis gebe es schon "seit mindestens 30 Jahren". Das Vorgehen sei vergleichbar mit kleineren Gemeinden. Dort "besteht der Wahlvorstand häufig aus den gleichen Personen, die jede Wahl gemeinsam begleiten".
Diesen Vergleich mit kleineren Gemeinden zieht auch der Politikwissenschaftler Martin Gross, der an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München zu Kommunalpolitik forscht: "Es sind ja seit Jahren oder Jahrzehnten sowieso immer dieselben Leute. Wenn man ganz ehrlich ist, es sind halt die einzigen, die sich finden lassen, die wirklich darauf Lust haben." Laut KVR habe es bei den Wunschteams bisher nie Unregelmäßigkeiten oder Auffälligkeiten gegeben.
Stadt München: Wunschteams helfen bei Rekrutierung
Aus Sicht der Stadt bietet das Angebot, sich als Wunschteam melden zu können, Vorteile: effiziente Teams, die zuverlässig auszählen, und die leichtere Rekrutierung der Helfer. "In München haben wir die Erfahrung gemacht, dass es einfacher ist, Wahlhelfende mit Erfahrung zu gewinnen, wenn sie zusammen mit einer ihnen bekannten Person das Ehrenamt ausüben können", schreibt das KVR.
Die Teams setzen sich überwiegend aus Beschäftigten im öffentlichen Dienst zusammen, so das KVR. Größere Wunschteams bis zu acht Personen seien eher die Ausnahme. Dass keine kompletten Wunschteams mehr zusammengestellt werden, sei seit der Europawahl 2024 so, nach einer Empfehlung des bayerischen Innenministeriums.
Man wollte "bereits von vornherein etwaigen Bedenken gegen die Praxis der Berufung eines vollständigen ‘Wunschteams’ in einen (Brief-)Wahlvorstand" begegnen, schreibt das Innenministerium auf Anfrage dem #Faktenfuchs.
Experten: Öffentlichkeit der Wahlhandlung macht Betrug riskant
Bei den Kommunalwahlen wie auch bei allen anderen Wahlen in Deutschland können Bürgerinnen und Bürger selbst jederzeit die Vorgänge, die die Wahlhelfer durchführen, beobachten. Sie brauchen dafür keine besondere Erlaubnis. Wahlhelfer-Teams "verhandeln, beraten und entscheiden in öffentlicher Sitzung", so legt es das Bayerische Gemeinde- und Landkreiswahlgesetz fest. Ein Beispiel für Entscheidungen, die ein Wahlhelfer-Team gemeinsam trifft: ob ein Stimmzettel gültig ist, an dem es Zweifel gibt.
Nun kann man verschiedene Szenarien gedanklich durchspielen, um die Sicherheitsvorkehrungen zu überprüfen.
Szenario 1) Wahlhelfer lassen Stimmzettel verschwinden. Riskant aufgrund der ständigen Öffentlichkeit der Wahl, sagt Politikwissenschaftler Martin Gross: "Es kommt selten vor, vielleicht zu den Randzeiten, dass man (gemeint sind die Wahlhelfer, Anm. d. Red.) alleine ist." Jederzeit könne ein Bürger oder ein anderer Wahlhelfer sehen, falls Stimmzettel aus den Urnen entnommen würden.
Szenario 2) Wahlhelfer zählen Stimmzettel falsch aus. Der korrekte Ablauf in München ist so: Bei allen Wahlen werden zuerst von allen Stimmzetteln die ungültigen aussortiert. Die gültigen Stimmzettel werden auf verschiedene Stapel sortiert (zum Beispiel für jeden Kandidaten ein Stapel). Für den Stadtrat und den Bezirksausschuss werden verschiedene Stapel gebildet, je nachdem ob die Wähler nur eine Liste gewählt, kumuliert oder panaschiert haben. Dann erst werden die Stimmen gezählt.
In München finden Wahlbeobachtungen statt
Bei der Auszählung wäre der Betrug aufgrund der anderen anwesenden Personen ebenfalls riskant beziehungsweise leicht zu entdecken, sagt Experte Daniel Hellmann vom Institut für Parlamentarismusforschung im Interview mit dem #Faktenfuchs: "Es sind halt immer noch andere Externe mit dabei. Das wird entscheidenden Einfluss darauf haben, ob diese Möglichkeit des Wahlbetrugs überhaupt realisiert werden kann."
Außerdem müsste der Wahlvorsteher (der "Chef" des jeweiligen Wahlvorstands) eingeweiht sein. Denn er überprüft laut einer Handreichung der Stadt München, ob die Stimmzettel auf den unterschiedlichen Stapeln dort auch richtig liegen.
Das KVR schreibt dem #Faktenfuchs, dass bei der Auszählung der Briefwahl stets Wahlamts-Mitarbeiter der Stadt dabei seien, die die Auszählung überwachen und betreuen. "Seit einigen Jahren finden daneben am Wahltag flächendeckend in München umfassende Wahlbeobachtungen statt, sowohl bei der Auszählung in den Wahlräumen als auch bei der Briefwahl", so die Behörde.
Hellmann sagt, allein eine Person könne Unregelmäßigkeiten an Überprüfungs-Instanzen, wie den Wahlleiter oder den Wahlausschuss, melden. Deswegen sei es wichtig, dass die Wahlhelfer gut vorbereitet und geschult seien und ihre Rechte und Pflichten kennen.
Stadt: Manipulationsversuche würden in Statistik auffallen
Der Politikwissenschaftler Martin Gross sagt zwar zur Auszählung: "Wenn ich manipulieren wollen würde, würde ich das vielleicht irgendwie hinbekommen." Was das Unterfangen für ihn aber sehr unwahrscheinlich macht, ist der Koordinationsaufwand für eine gezielte Manipulation. Denn im Voraus gibt es einige Variablen für die Betrüger-Gruppe: "Die können das Wahlergebnis nicht wissen, die wissen nicht wie viele Leute kommen, das heißt, die müssten sich während des Auszählens noch mal koordinieren als Wunschteam." Das sei ein "riesengroßer Aufwand", er sehe nicht, wie das funktionieren solle.
Und selbst wenn zugunsten Kandidat A manipuliert würde, dann kämen noch weitere Sicherheitsmechanismen ins Spiel: Sind die Ergebnisse eines einzelnen Wahlvorstands auffällig, dann kann das bemerkt und nachgezählt werden. "München macht das wie die meisten Kommunen, so dass statistische Auffälligkeiten vom System sofort angezeigt werden. So dass klar ist, okay, da soll noch mal nachgezählt werden", sagt Martin Gross.
Das sei auch dazu da, um unbeabsichtigte Fehler bei der Auszählung oder Stimmenübermittlung zu bemerken. Der Bayerische Gemeindetag schreibt dem #Faktenfuchs: "Es werden auch separate Niederschriften pro Wahlvorstand erstellt; auffällige Ergebnisse in einem Wahlvorstand können so leichter entdeckt werden."
Schon wenn die einzelnen Wahlvorstände ihre Ergebnisse ermitteln, "werden diese Ergebnisse ersten Prüfungen unterzogen und IT-unterstützt auf Plausibilität untersucht", schreibt das KVR. Unplausibel wäre etwa, wenn mehr Stimmen als möglich in diesem Wahlvorstand erfasst wurden oder wenn eine Person mehr Stimmen als möglich erhält. "Auch bei einer viel zu niedrigen Anzahl von insgesamt vergebenen Stimmen in einem Stimmbezirk erfolgt eine genauere Prüfung."
"Abweichende oder unplausible Ergebnisse eines Wahlvorstands würden in der Auswertung sofort auffallen. Da alle Wahlunterlagen aufbewahrt werden, kann im Zweifelsfall auch nach einer Wahl jederzeit stichprobenartig oder vollständig nachgezählt werden", schreibt das KVR dem #Faktenfuchs.
Auch andere Kommunen schreiben dem #Faktenfuchs, dass nach der Meldung der ausgezählten Stimmen durch den Wahlvorstand nochmal geprüft wird. Die Stadt Coburg schreibt: "Aufgrund der besonderen Bedeutung einzelner Stimmen bei Kommunalwahlen erfolgen umfangreiche rechnerische und organisatorische Plausibilitätsprüfungen." Die Stadt Augsburg teilt mit: "Wir nutzen Plausibilitäten zur Überprüfung von Unregelmäßigkeiten. Die Erfassung von Ergebnissen und die Überprüfung nach der Wahl erfolgt immer im Vier-Augen-Prinzip."
Viel Aufwand für unsicheren Ertrag
Und bei all der Mühe wäre der Ertrag keineswegs sicher. Martin Gross sagt: "Es wäre schon ein großer Aufwand, den man betreiben müsste, um so viele Stimmen zu manipulieren, dass sie auch einen Unterschied machen." Und je mehr Stimmen man manipuliert, um einen Effekt zu erzielen, desto sichtbarer werde das, sagt Daniel Hellmann.
Bei den Münchner Kommunalwahlen gibt es heuer 686 Stimmbezirke für ca. 1,1 Millionen Wahlberechtigte, also durchschnittlich 1.600 Wähler pro Stimmbezirk. Bei circa 60 Prozent Wahlbeteiligung und 50 Prozent davon per Briefwahl ergibt das pro Wahlvorstand und Briefwahlvorstand circa 500 Wählerinnen und Wähler, so das KVR.
Experte Daniel Hellmann schätzt, dass eine Manipulation von 100 Stimmen in einem Wahlvorstand bereits auffällig werden könnte. "Aber gleichzeitig dürfte das noch meistens unterhalb der Schwelle der Mandatsrelevanz liegen."
Bei der Kommunalwahl 2020 bekam die Bayernpartei in München 275.495 Stimmen und erhielt damit als "letzte" Partei ein einziges Stadtratsmandat. Der Abstand zur nächstplatzierten Partei "mut", die den Stadtrat verpasste, betrug 26.700 Stimmen.
In kleinen Gemeinden wiederum können zwar 100 Stimmen die Mandatsverteilung verändern, hundert manipulierte Stimmen pro Wahlvorstand fallen dagegen noch viel schneller auf als in großen Kommunen, sagt Daniel Hellmann.
Wahlausschuss und Rechtsaufsichtsbehörde können das Ergebnis überprüfen
Es gibt weitere nachträgliche Sicherungsmechanismen: Das endgültige Wahlergebnis wird erst durch den Wahlausschuss einer Kommune ermittelt. Dieser ist auch befugt, die ausgezählten Ergebnisse von Wahlvorständen zu berichtigen.
Nach der Wahlausschusssitzung geht es weiter mit der Wahlprüfung durch die Rechtsaufsichtsbehörde. Das ist bei den meisten Kommunen das zuständige Landratsamt und bei kreisfreien Gemeinden das Innenministerium. Martin Gross, der Kommunalpolitik-Forscher von der LMU, sagt: "Es wird zum Beispiel geprüft, ob es auffällige Abweichungen zur Nachbargemeinde gibt, oder ob es ungewöhnlich viele ungültige Stimmen gibt. Wenn es für Auffälligkeiten keine plausible Erklärung gibt, wird eben neu ausgezählt."
Jede Bürgerin und jeder Bürger kann die Wahl zudem innerhalb von vierzehn Tagen beim Landratsamt bzw. Innenministerium anfechten. Kommen in der Wahlprüfung Fehler oder Manipulationen zutage, ohne die eine andere Person Bürgermeister geworden wäre oder die Zusammensetzung des Gemeinde-/Stadtrats anders wäre, wird die Wahl für ungültig erklärt und wiederholt.
Wahlbetrügern droht strafrechtliche Verfolgung
Und nicht zuletzt drohen bei Entdeckung einer Manipulation Strafen: Nach einem Wahlbetrug in Dachau Anfang der 2000er-Jahre verurteilte das Landgericht München den früheren CSU-Stadtrat Wolfgang Aechtner wegen Wahlfälschung in 466 Fällen zu einer Bewährungsstrafe von zwei Jahren und zu einer Geldbuße von 125.000 Euro. Zusätzlich durfte er fünf Jahre lang für kein öffentliches Wahlamt kandidieren und vier Jahre lang nicht wählen.
Martin Gross‘ Resümee: "Es gibt nicht den perfekten Wahlprozess, wo wirklich alles zu 100 Prozent stimmen kann." Fehler könnten immer passieren. Und: "Wahlbetrug ist ab und an mal historisch vorgekommen, das heißt aber nicht, dass flächendeckend manipuliert wird. Ich glaube, das ist so gut wie ausgeschlossen."
Auch Daniel Hellmann sagt: "Es sind relativ wenig Fälle bekannt und das gibt einen ganz guten Einblick, dass es so viele Versuche des Wahlbetrugs nun auch nicht zu geben scheint."
Fazit
In der Stadt München können sich Menschen gemeinsam zum Einsatz als Wahlhelfer in einem Team melden. Die Hürden für eine Manipulation seien in jedem Fall hoch, sagen die Stadt und Experten. Wahlhelfer kontrollieren sich gegenseitig. Die Tatsache, dass unbeteiligte Personen die Wahl beobachten können, erhöht zudem die Schwierigkeit für Betrug.
Mehrere Kommunen sagen, dass auffällige oder unplausible Stimmenverteilungen nach der Auszählung auffallen würden. Der Aufwand für einen Betrug in einer Stadt wie München sei laut Experten extrem hoch und der mögliche Ertrag im Vergleich dazu eher gering. Und zuletzt gibt es mehrere nachträgliche Korrekturmöglichkeiten, falls bei einer Wahl manipuliert wurde.
Quellen
Interviews/Presseanfragen
Presseanfrage an das Bayerische Staatsministerium des Innern, für Sport und Integration
Presseanfrage an den Bayerischen Gemeindetag
Presseanfrage an die Stadt Augsburg
Presseanfrage an die Stadt Coburg
Presseanfrage an das Kreisverwaltungsreferat der Stadt München
Interview mit Martin Gross, Kommunalpolitik-Forscher, Ludwig-Maximilians-Universität München
Interview mit Daniel Hellmann, Wahlsystem-Forscher, Institut für Parlamentarismusforschung
Veröffentlichungen
Kreisverwaltungsreferat der Stadt München: Kurzübersicht Ablauf und Auszählung im Wahlraum Kommunalwahl
Kreisverwaltungsreferat der Stadt München: Ablauf und Auszählung der Briefwahl Kommunalwahl
14.000 Wahlhelfende: Team für die Kommunalwahlen ist komplett: ru.muenchen.de, 09.02.2026.
Bewährungsstrafe für Ex-CSU-Stadtrat: spiegel.de, 28.01.2003.
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