Blick auf die Fassade des Hauses fast ohne Heizung
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Braucht ein Haus eine Heizung?
Bildrechte: Bayerischer Rundfunk / Arno Trümper
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Fast ohne Heizung im Winter: Ein Haus in Ingolstadt im Härtetest

Fast ohne Heizung im Winter: Ein Haus in Ingolstadt im Härtetest

Ein Haus fast ohne Heizung: Insbesondere gute Isolierung, massive Bauweise, Abwärme von Elektrogeräten und Sonnenlicht sollen hier für wohlige Temperaturen sorgen. Ob die Rechnung der Erbauer aufgegangen ist – dazu gibt es jetzt erste Erfahrungen.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Instagram am .

In Ingolstadt steht ein Haus fast ohne Heizung. Und der Anfang war holprig: Plötzlich öffneten sich die Fenster automatisch, obwohl es überhaupt nicht stickig war, und außerdem waren in der Bauphase die Mauern so ausgekühlt, dass auch nicht die stärkste Heizung dagegen angekommen wäre.

Weit aus dem Fenster gelehnt

Tatsächlich macht Architekt Chris Neuburger kühne Versprechungen: Egal, ob Sommer oder Winter, das Haus soll in der Lage sein, die Raumtemperatur selbstständig auf ein Niveau zwischen 22 und 26 Grad Celsius zu regeln – ohne Heizung oder Klimaanlage. Dafür setzt er nach eigenen Angaben insbesondere auf eine Kombination von massiver Bauweise, natürlichen Wärmequellen und einer intelligenten Steuerung:

  • Isolierung und Speichermasse: Das Gebäude verfügt demnach über sehr gut isolierte, dicke Außenwände, massive, schwere Betondecken und gemauerte Innenwände, die im Winter viel Wärme speichern können und das Haus im Sommer kühl halten.
  • Nutzung natürlicher Wärmequellen: Anstatt einer Ölheizung mit Heizkörpern nutzt das Haus die Sonneneinstrahlung durch die Fenster und die natürliche Abwärme der Bewohner. Jeder Mensch strahlt durch seine Körpertemperatur so viel Wärme ab wie eine 200-Watt-Glühbirne. Diese Wärmeenergie speichert das Haus wie eine gute Bettdecke. Außerdem gibt es in jedem Haus weitere Wärmequellen: Elektrogeräte, Beleuchtung oder den Herd in der Küche.
  • Intelligente Lüftungssteuerung: In jedem Raum befinden sich Sensoren, die kontinuierlich die Temperatur, die Luftfeuchtigkeit und den CO2-Gehalt messen. Diese Sensoren steuern automatische Fensteröffner, die bei Bedarf lüften. So kommt, wenn nötig, frische Luft von außen hinein, aber nur so viel wie nötig, damit das Haus nicht auskühlt.

Sollten in einem besonders kalten, langen Winter die Temperaturen doch zu weit sinken, dann gibt es eine elektrische Fußbodenheizung. Die schaltet sich dann automatisch zu. Architekt Neuburger glaubt aber, dass das nur in absoluten Ausnahmefällen passieren wird.

Dieser Winter war ein erster Härtetest

Zwischen November 2025 und Februar 2026 wurden die Wohnungen bezogen. Eine Phase, in der die Temperaturen in Ingolstadt wochenlang, auch tagsüber, kaum über null Grad stiegen. "Außerdem war das Mauerwerk durch die Bauphase noch total ausgekühlt. Es hatte eine Kerntemperatur von fünf Grad", erklärt Jörg Koch, technischer Leiter der Gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft Ingolstadt, die Bauträgerin des Hauses ist.

Die Vorteile der dicken Wände erwiesen sich dabei erst einmal als Nachteil. Die Situation lässt sich so vergleichen: Man schlüpft mit einer Wärmflasche ins Bett und stellt dann fest, dass statt heißem Wasser Eiswürfel darin sind. "Die Fußbodenheizung lief die ersten Wochen konstant. Die ersten Tage mussten wir sogar eine Zusatzheizung aufstellen", erinnert sich Koch.

"Kinderkrankheiten": Kein leichter Start für die Mieter

Kinderkrankheiten oder Fehler im System? Bewohner berichten von weiteren Problemen. Manchmal hätten sich mitten in der Nacht die Fenster automatisch geöffnet oder die Fußbodenheizung sei angesprungen, obwohl es warm genug war.

"Es war für unsere Mieter nicht immer leicht am Anfang", muss Bianca Stein eingestehen, Sprecherin der Wohnungsbaugesellschaft: "Die neue Technik hatte Kinderkrankheiten. Die Haustechniker waren im Dauereinsatz und haben die Probleme dann immer schnell lösen können."

Wohnen als Erlebnis

Anastasia Balzer und ihr Mann Sergiy leben seit November 2025 in dem Haus. Sie gehörten zu den ersten Bewohnern und haben die Anfangsschwierigkeiten miterlebt. Gestört habe sie das nicht, sagt Sergiy, es habe eher seinen Pioniergeist geweckt.

Ehefrau Anastasia stimmt ihm zu: "Ich bin sehr dankbar, dass wir diese Wohnung haben. Sie ist sehr schön, sehr groß, mit sehr guter Aussicht ... und sehr warm!" Wenn die Heizung automatisch angesprungen sei, habe sie sie regelmäßig wieder ausgeschaltet, weil es allen zu warm geworden sei.

Bisher ist die Stimmung gut

März 2026, Sonnenschein, 16 Grad Außentemperatur, und die Stimmung ist gut, bei Mietern und dem Vermieter. Alle sind sich einig, dass ihr "Haus fast ohne Heizung" gut funktioniert. Trotzdem gibt technischer Leiter Koch ganz nüchtern zu bedenken: "Auch wenn wir uns sicher sind, dass das Konzept funktioniert, den endgültigen Beweis werden wir erst haben, wenn auch der Winter 2026/27 gut gelaufen ist."

Und sollte dann an den Stammtischen im Freistaat wieder verbittert gestritten werden, über Wärmepumpe oder Ölheizung, könnte man vorschlagen: Lasst doch beides weg!

BR24 auf Instagram: Haus (fast) ohne Heizung

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