Tobias Achtsnit ist momentan ein international gefragter Mann. Er ist Leiter der Analytischen Task Force der Feuerwehr München und Experte für die Einschätzung von Brand- und Explosionsgefahren. Sein Wissen und seine Erfahrung bringt er im Rahmen einer Katastrophenschutzmission der EU im Mittelmeer ein.
Dort treibt seit Wochen der Flüssiggastanker "Arctic Metagaz" schwer beschädigt im südöstlichen Mittelmeer. Nach einem Brand wurde die Crew evakuiert, an Bord befinden sind nach Angaben der Feuerwehr München aktuell noch rund 450 Tonnen Schweröl, 250 Tonnen Diesel und die Flüssiggas-Ladung.
Libyen bittet um EU-Katastrophenschutz
Nachdem ein Abschleppversuch in einen libyschen Hafen Anfang April wegen schlechten Wetters gescheitert war, ist der LNG-Tanker offiziellen libyschen Angaben zufolge "außer Kontrolle". Die libyschen Behörden hatten die Europäische Union gebeten, ihre Rettungsmaßnahmen durch das EU-Katastrophenschutzverfahren mit zusätzlicher Expertise zu unterstützen. Daraufhin rief die EU ein Expertenteam zur Remote-Unterstützung, also der Unterstützung aus der Ferne, zusammen. Für die Feuerwehr München ist es der erste Einsatz im Rahmen des EU-Katastrophenschutzverfahrens.
Tobias Achtsnit von der Feuerwehr München ist als Experte für Brand- und Explosionsrisiken Teil des EU-Teams.
Feuerwehr München Teil von internationalem Experten-Team
"Die Lage an sich ist nach wie vor dynamisch", sagt Achtsnit zu dem Tanker, der aktuell vor der libyschen Küste treibe. In einem sechsköpfigen EU-Team mit Experten aus Italien, Slowenien und Deutschland analysieren er und seine Kollegen Informationen wie Drohnenbilder, die ihnen das zentrale Lagezentrum der EU in Brüssel zur Verfügung stellt.
"Unsere Aufgabe ist letztlich, für die EU eine Lagebewertung durchzuführen, eine fachliche Lagebewertung", sagt Achtsnit. "In dem Fall, um festzustellen: Gibt es mögliche Leckagen auf dem Schiff? Treten da Gefahrenstoffe, Treibstoffe oder auch Flüssiggas gegebenenfalls noch aus?"
Treibstoff und Flüssiggas an Bord: Umweltkatastrophe droht
Gelangen die Stoffe ins Meer, könne dies der Feuerwehr München zufolge "katastrophale Auswirkungen" auf die Natur haben. Davor warnte die Umweltschutzorganisation WWF bereits Mitte März (externer Link, englischsprachiger Inhalt).
Laut Giuseppe di Carlo, Chef der WWF-Region Mittelmeer, sei es "unerlässlich, eine umgehende Abstimmung zwischen den zuständigen Behörden sowie eine rasche Umsetzung von Präventions- und Reaktionsmaßnahmen sicherzustellen, um eine Umweltkatastrophe abzuwenden, die nicht nur die marine Artenvielfalt, sondern auch die Küstengemeinden und die Fischerei in diesem Gebiet gefährden würde."
Experte der Feuerwehr: Keine "akute Explosionsgefahr"
Der genaue Zustand der "Arctic Metagaz" lasse sich derzeit noch nicht genau bewerten, sagt Tobias Achtsnit von der Münchner Feuerwehr: "Von einer akuten Explosionsgefahr ist definitiv nicht auszugehen. Aber Lagen in dieser Dimension können sich jederzeit auch ändern".
Für eine abschließende Bewertung fehlten auch noch Messungen vom Schiff. "Es gab bereits Drohnenüberflüge, also es liegt Bildmaterial vor, aber keine konkreten Messwerte, die jetzt auf Stoffaustritte hindeuten würden oder auch eine detaillierte Einschätzung der akuten Gefahren ermöglichen würde."
Wenn die Messergebnisse da sind, könne man Empfehlungen für das weitere Vorgehen machen. Weiterführende Maßnahmen lägen in der Verantwortung der Europäischen Kommission und den angrenzenden Mitgliedstaaten, betont Achtsnit. Das Expertenteam berate lediglich. Auch bei der konkreten Bergung ist das Team außen vor. Wann genau der Tanker geborgen werden könnte und wie lange Achtsnits Einsatz noch dauert, ist unklar.
Explosionen an Bord von russischem Tanker im Mittelmeer
Am 3. März hatten sich an Bord des russischen Tankers mehrere Explosionen ereignet. Die Explosionen an Bord lösten einen Brand aus, die Besatzung konnte evakuiert werden. Seitdem treibt der russische Tanker führerlos im Mittelmeer.
Russland wirft der Ukraine vor, das Schiff mit Drohnen attackiert zu haben. Die Ukraine hat sich bislang nicht zu dem Vorfall geäußert. Einer Recherche von "Radio France Internationale" (externer Link, englischsprachiger Inhalt) zufolge hat die Ukraine in Libyen eine Militärpräsenz aufgebaut und von dort aus den russischen Tanker mit einer Drohe attackiert.
Die "Arctic Metagaz" wird der russischen Schattenflotte zugerechnet und steht auf der Sanktionsliste der EU. Als Schattenflotte werden die Schiffe bezeichnet, mit denen Russland die wegen seines Angriffskriegs gegen die Ukraine verhängten Sanktionen umgeht. Viele der Schiffe sind veraltet und in schlechtem Zustand.
Mit Informationen von AFP
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