(Symbolbild) Jemand hält schützend eine Hand vor sich, der Hintergrund ist verschwommen
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(Symbolbild) Häusliche Gewalt betrifft vor allem Frauen, quer durch die Gesellschaft.
Bildrechte: dpa-Bildfunk/Fabian Sommer
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Gewalt in der Partnerschaft: Darum ist die Dunkelziffer so hoch

Gewalt in der Partnerschaft: Darum ist die Dunkelziffer so hoch

Fast jede vierte Frau erlebt psychische, körperliche oder sexuelle Gewalt – oft von Partner oder Ex-Partner. Doch die Opfer zeigen nur fünf Prozent der Gewalt in Partnerschaften an. Die Hürden für Betroffene sind groß, dazu zählt die Angst vor Rache.

Über dieses Thema berichtet: BR24 Radio am .

Die Dunkelfeldstudie 2026 des Bundeskriminalamts (externer Link) zeigt: Gewalterfahrungen sind quer durch die Gesellschaft verbreitet. Gerade einmal fünf Prozent aller Gewaltdelikte in Partnerschaften werden angezeigt. Die bayerische Kriminalstatistik hat 2024 mehr als 18.000 Fälle partnerschaftlicher Gewalt und fast 16.000 Tatverdächtige erfasst. Warum die Opfer ihren gewalttätigen Freund, Ehemann oder Expartner nicht anzeigen, hat viele Gründe.

Frauen fehlt Schutz vor dem Täter

Iris Brand ist Mitgründerin der Initiative "Die Nächste" (externer Link). Die Münchnerin hat jahrelang in einer Gewalt-Beziehung gelebt, sich getrennt und Anzeige erstattet. Die psychische und körperliche Gewaltspirale zu durchbrechen, sei emotional schwer. Der größte Wunsch sei lange, einfach wieder eine gewaltfreie Beziehung zu führen. Brand sagt dazu: "Für Außenstehende ist kaum zu begreifen, wie gering das Selbstwertgefühl wird und wie groß die Scham." Auch die Angst vor Rache, um die Kinder und vor sozialer Isolation nach einer Trennung sei groß.

Täter-Opfer-Umkehr entmutigt Betroffene

Unabhängig von Religion, finanziellem Status oder Bildungsgrad fühlten sich Betroffene auch oft schuldig und sogar verantwortlich für die Gewalt ihres Partners, sagt Esther Papp. Die Münchner Kriminalhauptkommissarin berät Opfer und beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Stalking, Häuslicher Gewalt und Sexualdelikten (externer Link). "Es ist noch immer ein gesellschaftliches Tabu, sich mit diesem 'privaten' Thema jemandem Unbekannten anzuvertrauen."

Anders als in den Beratungsstellen treffen die Opfer im persönlichen Umfeld oft auf Desinteresse. "Das kann ich mir bei ihm gar nicht vorstellen" oder "Du provozierst ja auch gerne mal. Und er hatte es ja auch schwer in der Kindheit", so lauteten typische Reaktionen, sagt Brand. Das "Victim Blaming" – also die Schuldumkehr – mache es Betroffenen noch schwerer, sich zu trennen. Mehr "Hinsehen statt Wegsehen" fordert deshalb auch die Frauengruppe der Gewerkschaft der Polizei (externer Link).

Beratungsstellen unterstützen Gewaltopfer

Der Verein "Initiative für Münchner Mädchen" IMMA e.V. (externer Link) hat Schutzräume und verschiedene Beratungs- und Hilfsangebote für junge Frauen. Diplom-Psychologin Sabine Wieninger erklärt: "Beziehungsgewalt betrifft Paare quer durch die Gesellschaft – und bereits junge Mädchen."

Wichtig sei, die Frauen wieder in ihrem Selbstwert zu bestärken. Vor einer Anzeige sollte die Beratung stehen. Kostenfreie Hilfsangebote gibt es bayernweit, auch Hilfetelefone und Online-Netzwerke, um sich zu informieren. Minderjährige Opfer haben dann das Recht auf eine kostenfreie psychosoziale Prozessbegleitung, wenn sie einen Gewalttäter anzeigen.

Lange Gerichtsverfahren schrecken ab

Sobald Polizei oder Jugendamt von Gewaltdelikten erfahren, werden sie tätig. Weil Opfer mit Anzeigen lange zögern, ist laut Esther Papp die Beweissicherung schwierig und viele Verfahren würden ohne Verurteilung eingestellt. Deshalb sei eine Anzeige auch eine sehr persönliche Entscheidung. Besonders Frauen mit Migrationshintergrund und ohne soziales Netzwerk fühlten sich schutzlos. In München erspart eine Video-Vernehmung dem Opfer die erneute Zeugenaussage vor Gericht, doch die Verfahren ziehen sich oft über Jahre.

Auch der Deutsche Juristinnenbund fordert deshalb verpflichtende Fortbildungen für alle beteiligten Richter und Staatsanwälte im Familien- und Strafrecht zur Dynamik bei Partnergewalt.

Prävention und Aufklärung werden wichtiger

Iris Brand fordert mehr Schutz, Rechtssicherheit und politische Unterstützung für betroffene Frauen. So verbreiteten soziale Medien immer öfter frauenfeindliche Inhalte, die ein rückwärtsgewandtes Männerbild und Macht als "männlich" propagierten. Deshalb sei Präventionsarbeit, Wertevermittlung und Aufklärung besonders wichtig.

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