Bei einem Workshop in der Stadtbücherei der Stadt Würzburg im Falkenhaus stellt Sebastian Zollner, Sprachwissenschaftler und Medienpädagoge aus Würzburg, seinen Hasskompass vor. Wie viel Meinungsfreiheit ist noch okay? Wann werden Grenzen überschritten? Wann sollte man digitale Zivilcourage zeigen und entschieden widersprechen? Darum geht es ihm.
Denn: Im Internet, vor allem auf Social-Media-Plattformen, stößt man ständig auf Hass und Hetze. Bei Instagram und X, vormals Twitter, ist die Zahl der gemeldeten Beschwerden wegen Hatespeech in den letzten Jahren sprunghaft gestiegen. Und auch Facebook oder TikTok entfernen nur einen kleinen Teil der gemeldeten Beiträge.
Ohne Widerspruch gewinnen radikale Parolen an Fahrt
Zollner zeigt in seinem Workshop zunächst Kommentare auf einen ZDF-Bericht über Geflüchtete, die im Mittelmeer aus Seenot gerettet wurden. Es sind die typischen dumpfen Parolen: "Selbst schuld, die können ja zuhause bleiben – alle wieder zurück, wo sie herkommen – ich will sie nicht – wir haben schon genug Probleme mit denen, die hier sind!"
Für Zollner sind all diese Kommentare zwar von der Meinungsfreiheit gedeckt. Für viele hätten sie aber diskriminierende Elemente. Der Sprachwissenschaftler hat für seinen Hasskompass hunderttausende solcher Kommentare analysiert. Und er hat den Verlauf in Kommentarspalten verfolgt. "Wenn solchen Aussagen nicht widersprochen wird, gewinnen sie die Oberhand und immer mehr schließen sich solchen radikalen Parolen an", stellt Zollner fest.
Hasskompass analysiert Aussagen und Kommentare
Dann kommt Zollner in seinem Workshop zu einem konkreten Beispiel: Im Textfeld seines Hasskompasses gibt er eine Aussage von Ministerpräsident Markus Söder (CSU) ein. Der hatte laut Zollner 2024 im Wahlkampf in einem Bierzelt beim Gillamoos-Frühschoppen, kurz nachdem er über Migration und Abschiebung geredet hatte, Folgendes gesagt: "In vielen deutschen Vorstädten fühlt sich der ein oder andere gar nicht mehr daheim, ist nicht mehr ganz sicher, in welchem Land er eigentlich lebt!". Damals hatte sich die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung fassungslos über Söders Äußerung gezeigt.
Wenn man nun den Autopilot für "Hate-Speech-Beispiel" startet, liefert die KI innerhalb weniger Sekunden eine Analyse. Im Textfeld erscheint: "Die Formulierung ist bewusst vage und indirekt, transportiert aber eine diskriminierende Botschaft, ohne explizit feindselig zu sein oder eine Zielgruppe zu benennen." Dann wird die KI präziser: Die Aussage impliziere, dass Menschen mit Migrationshintergrund die nationale Identität Deutschlands bedrohen und Deutschland fremd machen würden. Das, so Zollner, lese die KI in Söders Aussage.
16 Strategien für eine passende Gegenrede
Im nächsten Schritt legt der Sprachwissenschaftler fest, wie die KI auf Söders Wahlkampf-Aussage reagieren soll. Zollner bietet dazu in seinem KI-Tool 16 Strategien, die unter Emojis hinterlegt sind. Die KI wählt daraus nun die dekonstruierende, die argumentative, die meta-pragmatische, die narrative und die konstruktive Strategie und liefert innerhalb von 30 Sekunden fünf verschiedene Kommentare.
Darunter auch diesen: "Herr Söder, Sie sagen, der ein oder andere fühle sich nicht mehr daheim. Das klingt nach einer persönlichen Einzelerfahrung. Gleichzeitig sprechen sie von 'vielen deutschen Vorstädten', als ob das ein flächendeckendes Phänomen wäre. Das widerspricht sich schon auf der grammatikalischen Ebene. Entweder ist es verbreitet – dann braucht es Belege und Zahlen – oder es sind Einzelfälle. Dann ist 'viele Vorstädte' Übertreibung. Beides gleichzeitig geht nicht."
Der Hasskompass – Instrument für Schulen, Organisationen und couragierte Bürger
Zoller will mit seinem Hasskompass die digitale Zivilcourage stärken. Damit eine Gegen-Rede auf Kommentare ihre Wirkung entfalten könne, müsse diese wohl überlegt sein. Wer Hass und Hetze im Netz mit Argumenten und Fakten entkräfte, könne damit viel erreichen. Ein impulsiver Schnellschuss aus dem Bauchgefühl heraus sei da oft nicht so gut.
In seinem Hasskompass stecken einige Jahre Entwicklungszeit. Vor allem die Auswertung von Hass-Kommentaren und deren weiterer Verlauf habe viel Zeit gekostet, sagt der Sprachwissenschaftler. Seinen Hasskompass bietet er momentan als Testversion [externer Link, möglicherweise Bezahl-Inhalt] an. Künftig soll jeder User den Hasskompass für unter zehn Euro pro Monat buchen können. Für Schulen, Organisationen, Medienhäuser und Behörden will Zollner den Hasskompass ebenfalls als Monatsabo anbieten.
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