Schon bei der Abfahrt am Münchner Hauptbahnhof am Nachmittag um kurz vor halb fünf sei es im Regionalexpress nach Nürnberg sehr heiß gewesen, das berichtet BR-Journalist Veit Schmelter, der zufällig am vergangenen Pfingstsonntag im Zug saß.
Kurz nach Ingolstadt kam der Regionalzug dann zum Stehen. Die etwa 300 Fahrgäste wurden per Durchsage über eine technische Störung informiert. Auch die Klimaanlage war ausgefallen, sagt Veit Schmelter: "Das war sehr unerträglich, die Leute haben sich ausgezogen, sind oberkörperfrei herumgelaufen, haben ihre Schuhe ausgezogen, haben sich Fächer gebastelt."
Wie in einer Sauna ohne Ausgang
Noch nie habe er außerhalb einer Sauna so geschwitzt, sagt Schmelter, doch die Türen blieben zwei Stunden lang geschlossen. Die Kommunikation beschreibt Veit Schmelter sehr positiv: "Der Lokführer hat immer wieder versucht, zu kommunizieren, und hat immer wieder die Leute abgeholt."
Demnach sei er im Austausch mit der Leitstelle, dem Regio-Notdienst, der Polizei und der Feuerwehr gestanden und habe die einzelnen Kommunikationsstände an die Fahrgäste immer wieder mitgeteilt. Auch habe der Lokführer immer wieder erklärt, warum er die Türen nicht einfach so öffnen könne, denn die Nebenstrecke sei noch befahren worden: "An uns sind permanent noch ICE-Züge vorbeigerauscht", sagt Schmelter.
Kein Spielraum aus Sicherheitsgründen?
Letztendlich mussten etwa 300 Fahrgäste in größter Hitze zwei Stunden lang ausharren. Im Regelwerk der Bahn gebe es aus Sicherheitsgründen so gut wie keinen Spielraum, sagt Marco Kragulji vom Fahrgastverband PRO BAHN Bayern. "Hier ist man abhängig vom Faktor Mensch und dann geht eben doch einer auf die andere Seite der Zugstrecke," so Kragulji.
Doch der Vorfall wirft Fragen auf: Wie gut sind Bahn und Behörden auf solche Notfälle vorbereitet und wie schnell sollten Züge in Bayern geräumt werden?
Bahn entschuldigt sich
Die Deutsche Bahn bedauert den Vorfall und erklärt auf BR24-Anfrage: "Bleibt ein Reisezug auf freier Strecke liegen, prüfen Betriebszentrale, Leitstelle und Zugpersonal zunächst gemeinsam, ob und in welchem Zeitraum eine Weiterfahrt bis zum nächsten Bahnhof möglich ist oder ob ein Abschleppen des Zuges in Frage kommt".
Gleichzeitig habe der Lokführer sämtliche Versuche unternommen, die Störung selbstständig vor Ort zu beheben, so ein Bahnsprecher: "Das Öffnen der Türen ist erst möglich, wenn sichergestellt ist, dass der übrige Bahnverkehr gestoppt ist."
Vor der Sperrung der benachbarten Schnellstrecke mussten laut Bahn erst andere Züge die Strecke räumen. Dies sei gegen 18.30 Uhr erfolgt, danach sei der Ausstieg der Reisenden vorbereitet worden, so die Bahn. Um 19.15 begann der Ausstieg, erst da wurden die Türen geöffnet.
PRO BAHN sieht keine Lernkurve
Bei verspäteten Evakuierungen sieht der Fahrgastverband PRO BAHN Bayern ein generelles Problem: "Der Fokus liegt bei solchen Pannen zu wenig auf der schnellen Rettung der Fahrgäste, so auch letztens bei einem ähnlichen Fall beim RE2 zwischen Hof und München," so steht es in einem Artikel aus der aktuellen PRO BAHN-Post.
Neu sei dies nicht: "In der Vergangenheit gab es Fälle, in denen Menschen stundenlang in stehenden Zügen ausharren mussten – häufig ohne Belüftung, Kühlung oder Heizung." Das Fazit von PRO BAHN: "Trotz zahlreicher Vorfälle ist keine Lernkurve zu beobachten."
Eisenbahn-Bundesamt sieht Handlungsbedarf
Das Eisenbahn-Bundesamt sieht bei verspäteten Evakuierungen längst Handlungsbedarf. Eine Sprecherin der Aufsichts- und Genehmigungsbehörde erinnert auf BR24-Anfrage daran, dass Bahnunternehmen für rechtzeitiges Räumen verantwortlich sind. Zugleich könne das Eisenbahn-Bundesamt von den Bahnunternehmen aber auch nur fordern, was der gesetzliche Rahmen vorgebe.
In einer Fachmitteilung hat sich das Bundesamt im Februar 2025 mit den Problemen bei liegengebliebenen Zügen beschäftigt: "Bleibt ein Reisezug liegen, kann es – das zeigt die Praxis – je nach den Umständen des Einzelfalls wie der Außentemperatur, der Öffnungsfähigkeit der Fenster oder dem (Weiter-)Funktionieren der Klimatisierung sehr schnell zu Notfällen kommen," so die Feststellung. Für einen Notfall sei die Aufhebung der Türblockierung vorgesehen.
Im Regionalexpress nach Nürnberg blieben die Türen zwei Stunden lang verschlossen. Offenbar wurde die Situation der Fahrgäste nicht als Notfall eingestuft.
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