Wegen der Luftschläge der USA und Israels auf Ziele im Iran wächst auch in Deutschland die Sorge vor möglichen Reaktionen des Regimes. Sicherheitsbehörden und Experten halten es für denkbar, dass Teheran auf bestehende Netzwerke in Europa zurückgreifen könnte.
Eine Moschee in Hamburg und der Iran
Im Sommer 2024 hatte das Bundesinnenministerium das "Islamische Zentrum Hamburg" verboten. Nach Einschätzung der Behörden fungierte die Moschee als Auslandsvertretung des iranischen Staates und verbreitete dessen autoritär-theokratische Ideologie in Deutschland. Auch in München befand sich eine Filiale der Moschee. Gegen das Verbot klagt das Zentrum derzeit vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig; ein Urteil steht noch aus.
Für Sicherheitsexperten ist der Fall Hamburg Teil eines größeren Bildes. Hans-Jakob Schindler von der transatlantischen Denkfabrik "Counter Extremism Project" sagt, der Iran habe über Jahre hinweg ein Netz aus Organisationen, Personen und Strukturen in Deutschland aufgebaut. Dabei sei eine regelrechte Sicherheitsarchitektur entstanden, die auch nach dem Verbot einzelner Einrichtungen nicht einfach verschwinde.
Das Islamische Zentrum habe nicht nur kulturelle, religiöse oder sprachliche Angebote organisiert, erklärt Schindler. Nach seiner Einschätzung ging es auch darum, staatliche Strukturen des Iran dauerhaft in Deutschland zu etablieren. Aus diesen Strukturen heraus habe man in verschiedenen Bereichen agieren können – auch in sicherheitspolitischen Fragen.
Warum Anschläge in Deutschland drohen könnten
Mit "sicherheitspolitisch" meint Schindler etwa mögliche Spionageaktivitäten im Interesse des iranischen Regimes. Der Experte war früher selbst an der deutschen Botschaft in Teheran für Sicherheitsthemen zuständig. Vor dem Hintergrund der aktuellen Eskalation im Nahen Osten warnt er, dass der Iran auch sogenannte Schläferzellen aktivieren könnte. Darunter verstehen Sicherheitsbehörden Menschen, die lange Zeit unauffällig leben, im Ernstfall jedoch für Anschläge oder andere Operationen eingesetzt werden könnten. Wie viele solcher potenziellen Zellen existieren, ist unklar.
Auch direkte Operationen iranischer Geheimdienste im Ausland gelten als möglich. Dabei greifen Teherans Sicherheitsapparate nach Einschätzung von Experten unter anderem auf Einheiten der Revolutionsgarden zurück, etwa die sogenannten Quds-Brigaden, die für Auslandsoperationen zuständig sind. Das Bundesamt für Verfassungsschutz spricht derzeit von einer hohen abstrakten Gefährdung für Einrichtungen in Deutschland, die Israel oder den USA nahestehen.
Der Nahost-Experte Christoph Leonhardt vom Berliner Analyse- und Beratungsunternehmen Middle East Minds findet, das Risiko von Anschlägen sei real. Der Iran stehe mit dem Rücken zur Wand. "Iranische Regimekräfte und verbündete Gruppen wie die schiitische Hisbollah aus dem Libanon sind seit Jahren auch in Deutschland aktiv und verfügen hier über operative Netzwerke", sagt Leonhardt.
Die Hisbollah in Deutschland
Wie solche Strukturen aussehen können, zeigen Ermittlungen rund um das verbotene Islamische Zentrum Hamburg. Nach Angaben aus Sicherheitskreisen sollen die Strukturen der Moschee genutzt worden sein, um die Hisbollah zu unterstützen, die in Deutschland als terroristische Organisation gilt. Demnach habe ein Netzwerk aus Vereinen Geld gesammelt. Außerdem sollen Verantwortliche der Moschee Kontakte zu Hisbollah-Funktionären gepflegt haben.
Neben solchen organisierten Netzwerken beobachten die Behörden noch ein weiteres Phänomen: sogenannte Proxys. Darauf weist auch der bayerische Verfassungsschutz hin. Sprecher Florian Volm erklärt, damit seien Personen oder Gruppen gemeint, die selbst keine ausgebildeten Agenten seien, aber von iranischen Nachrichtendiensten für bestimmte Aufgaben eingesetzt würden. Das könnten etwa Menschen aus dem kriminellen Milieu sein, die für Ausspähaktionen oder sogar Anschläge angeworben werden.
Jüdische Einrichtungen in München observiert
Ein möglicher Fall aus jüngerer Zeit ist der von Abdelkrim S. Der Mann wurde 2024 in Frankreich festgenommen. Nach Informationen des Bayerischen Rundfunks soll er zuvor in München und Berlin jüdische Einrichtungen ausgespäht haben und Teil einer mutmaßlich vom Iran inspirierten Zelle gewesen sein. Französischen Behörden war er bereits als Intensivtäter mit Verbindungen in die kriminelle Szene bekannt. Auf Anfrage äußern sich die Ermittler nicht zum aktuellen Stand des Verfahrens; Medienberichten zufolge weist der Beschuldigte die Vorwürfe zurück.
Solche Verdachtsfälle erinnern an frühere Ereignisse. 1992 wurden im Berliner Restaurant Mykonos vier iranisch-kurdische Oppositionspolitiker im Auftrag des Iran ermordet. Auch aktuell ermittelt die Bundesanwaltschaft wieder in einem ähnlichen Zusammenhang: Ein Mann soll 2025 im Auftrag eines iranischen Geheimdienstes jüdische Einrichtungen in Berlin ausgespäht haben. Er sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Nach bisherigen Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft könnte dabei auch die Beschaffung einer Waffe für einen möglichen Anschlag geplant gewesen sein.
Mit Informationen von AFP
Im Audio: Als das Urteil im Mykonos-Prozess fiel
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