Die Figuren sind lebensgroß und sehr schwer. Sie zeigen das Leiden von Jesus Christus und andere biblische Szenen. Menschen tragen sie auf ihren Schultern: Jedes Jahr an Karfreitag zieht die traditionelle Prozession durch die Stadt Lohr am Main im Landkreis Main-Spessart.
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Karfreitagsprozession Lohr ist "Immaterielles Kulturerbe Bayern"
Vor genau 370 Jahren wurde die Karfreitagsprozession erstmals in Dokumenten erwähnt. Heute gilt sie als eine der letzten vollständig erhaltenen Bilderprozessionen in Deutschland. Seit ein paar Tagen trägt sie auch den Titel "Immaterielles Kulturerbe Bayern", zusammen mit 18 weiteren Eintragungen.
"Das immaterielle kulturelle Erbe Bayerns symbolisiert Heimat und vermittelt ein Gefühl von Identität, Zugehörigkeit und Gemeinschaft", so der bayerische Heimatminister Albert Füracker (CSU). Viele Menschen im Freistaat hätten es sich zur Aufgabe gemacht, "diesen Reichtum unseres Landes an verschiedensten Traditionen und Bräuchen in der Gegenwart zu erhalten und in die Zukunft zu tragen." Im Fall der Karfreitagsprozession in Lohr spiele ihre lange Tradition eine große Rolle, so das Heimatministerium. Sie läuft heute noch fast unverändert ab.
Menschen tragen lebensgroße Figuren durch die Stadt
Auch der neue Titel wird an der Karfreitagsprozession nichts ändern, so Joachim Salzmann vom Förderverein zu BR24. "Der Zug durch die Innenstadt mit 13 lebensgroßen Stationen ist unser Glaubensbekenntnis, dazu stehen wir und das wollen wir zeigen", erklärt Salzmann. Rund 10.000 Menschen begleiten erfahrungsgemäß die kilometerlange Prozession.
Um 10.30 Uhr wird es an Karfreitag traditionell mit dem ersten Paukenschlag still. Nur die Trommel und die Blasmusik sind zu hören. Schweigend tragen dunkel gekleidete Menschen die Figuren auf Holzpodesten auf ihren Schultern durch die Lohrer Innenstadt.
Titel ohne Mittel, aber Verein hofft auf Spenden für Restaurierung
"Immaterielles Kulturerbe Bayern": Mit dieser Auszeichnung durch das Bayerische Heimatministerium ist keine finanzielle Unterstützung verbunden. Doch damit rückt die Lohrer Karfreitagsprozession weiter in die Öffentlichkeit. "Spenden und Fördermittel könnten leichter fließen", so die Hoffnung von Joachim Salzmann. Die jahrhundertealten Figuren müssen immer wieder restauriert werden. Außerdem will er die Prozession wissenschaftlich aufarbeiten lassen.
In den vergangenen 370 Jahren gab es immer wieder Versuche, die Lohrer Karfreitagsprozession zu verbieten oder zu verkleinern. Doch dagegen konnten sich die Bürger und Bürgerinnen erfolgreich wehren.
Vor allem männliche Handwerker tragen die Figuren – auch Frauen dabei
Die Handwerksinnungen sind jeweils für eine Station zuständig. Sie tragen etwa die Schuhmacher die Figur der Geißelung, die Wagner- und Schlosserinnung die Gefangennahme Jesu und die Metzger das Bild "Ecce Homo". Alle Figuren werden vorwiegend von den Männern der Handwerksfamilien getragen – mit einer Ausnahme: Die Pietà, die trauernde Muttergottes mit dem toten Jesus, übernehmen die Frauen.
Hier ist auch die Tochter von Ernst Herr aktiv. Der 69-jährige Werkzeugmacher selbst trägt die Gefangennahme Jesu. Dafür konnte er auch seinen Schwiegersohn gewinnen, der als Berufsschullehrer für Metallbau arbeitet. Und die Frau von Ernst Herr wiederum ist Drechslerin, sie begleitet die holzverarbeitenden Berufe, wie Schreiner. Für viele Familien ist es selbstverständlich, bei der Lohrer Karfreitagsprozession dabei zu sein – seit Generationen.
Lohrer Karfreitagsprozession braucht Unterstützung
Zwar ist das Handwerk in Lohr am Main noch stark vertreten, jedoch kann es die Lohrer Karfreitagsprozession schon lange nicht mehr allein schultern. Aus den benachbarten Orten kommen Träger und Trägerinnen, zudem helfen ortsansässige Vereine mit. Der Förderverein "Lohrer Karfreitagsprozession" wirbt zudem um Mitglieder. Die Beiträge finanzieren auch eine Dauerausstellung. So sind die 13 Stationen das Jahr über in der Kapuzinerkirche zu sehen.
Inzwischen wurden auch Flyer in englischer Sprache ausgelegt, da viele Touristen und Touristinnen Interesse an der Lohrer Tradition haben.
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