"Ich bin unangebracht in den Arm genommen oder einfach so angefasst worden in Gesprächssituationen, die das eigentlich nicht benötigt hätten. Es hat mich frustriert, dass man mich nicht für meine Kompetenz oder Arbeit wahrnimmt, sondern primär als Frau", erzählt Hannah Weikl, die im neunten Semester Medizin studiert. Hannah traut sich, darüber zu sprechen. Das war eine bewusste Entscheidung. Ermutigt hat sie auch eine Würzburger Studie.
Über 5.600 Studien-Teilnehmerinnen und -Teilnehmer
Dr. Sabine Drossard, Kinderchirurgin an der Uniklinik Würzburg (UKW), hat die Studie geleitet, die wohl größte nationale zum Thema "sexuelle Belästigung in der medizinischen Ausbildung". Drossard war selbst schon von Belästigung betroffen, hat bereits ihre Masterarbeit in Augsburg zu dem Thema geschrieben. Immer wieder kamen Betroffene auf sie zu und haben von Übergriffen berichtet. Das war Drossards Motivation, den sexuellen Übergriffen ein Gesicht zu geben, sprich: mit Zahlen und Fakten zu hinterlegen. Befragt wurden über 5.600 Studierende aus 44 Fakultäten.
Drei Viertel der Frauen wird im Praktischen Jahr sexuell belästigt
Das Ergebnis der Studie [externer Link]: 42 Prozent der Studierenden waren von sexueller Belästigung betroffen. Die Hälfte der Befragten hat sexuelle Belästigung bei Mitstudierenden beobachtet.
Im letzten Jahr des Medizin-Studiums, im sogenannten Praktischen Jahr, gaben sogar drei Viertel aller Studentinnen an, sexuell belästigt worden zu sein. Bei den männlichen Studenten waren es knapp 30 Prozent. Diese Ergebnisse decken sich laut der Oberärztin mit internationalen Studien, seien deshalb aber nicht weniger besorgniserregend.
Körpernahe Untersuchungen erleichtern Diskriminierungen
"Der allergrößte Teil, von denen die Belästigung ausgeht, waren Patientinnen und Patienten. Das zeigt das gesellschaftliche Problem", sagt die 39-Jährige. Die Ergebnisse seien klinikunabhängig, heißt, sie würden nicht besonders am UKW vorkommen. Aber generell bestehe in der Medizin der Faktor, dass Untersuchungen mit Körperlichkeit einhergehen. Diese Körperlichkeit begünstigt der Oberärztin zufolge sexuelle Übergriffe.
Gravierende Folgen und wenige Beschwerden
Mehr als die Hälfte der Betroffenen berichten in der Studie, dass die Belästigung Auswirkungen auf ihr psychisches Wohlbefinden hatte. 68 Prozent mieden danach bestimmte Personen und knapp die Hälfte derer, die sexuelle Belästigung erfahren haben, berichten, dass dies ihre medizinische Fachwahl beeinflusst hat.
Nur ein Bruchteil der Betroffenen meldet übergriffiges Verhalten. Drossard sieht dafür als einen möglichen Grund die Angst vor negativen Konsequenzen: "Man ist im praktischen Unterricht sehr stark vom Lehrenden abhängig, etwas zu lernen, etwa ob man im OP eingeteilt wird." So könne es auch zu Situation kommen, dass die Person, die einen unterrichtet und womöglich übergriffig ist, einen später auch im Staatsexamen prüft.
Bei Komplimenten Kontext beachten
Auch Carolin Buchmann, gerade fertig geworden mit dem Medizin-Studium, hat mehrfach übergriffige Situationen erlebt. Das Argument, man dürfe heutzutage gar keine Komplimente mehr machen, findet sie scheinheilig. Es gebe immer noch genug Dinge, die man äußern kann, sagt sie: "Komplimente, was die Fähigkeiten angehen, sind absolut in Ordnung, zum Beispiel: Das haben Sie gut gemacht, Sie nähen sehr gut. Dinge, die mein Aussehen betreffen, sind natürlich am Arbeitsplatz ein Tabu."
Eigenes Seminar zu Grenzüberschreitungen
Carolin ist erleichtert, dass die Uniklinik gemeinsam mit der Uni Würzburg eine Meldestelle für Übergriffe hat [externer Link]. Auch Drossard sieht das als einen Teil einer Lösung. Zusätzlich hält sie Workshops, Trainings und Kulturänderung von der Führungsebene aus für wichtig – sowie gesellschaftliche Gleichberechtigung. Weil die Oberärztin ständig mit dem Thema konfrontiert wird, leitet Drossard mittlerweile ein Seminar, das sensibilisieren soll, und Grenzüberschreitungen thematisiert. Dabei gehe es darum, sich auszutauschen und Antworten für unangemessene Situationen zurechtzulegen. "Wer kennt es nicht, oft fällt einem in so einer Situation ja erst danach die richtige Antwort ein", sagt sie.
Schweigen und Tabus brechen
Das Seminar bereitet die 39-Jährige mit Studentin Hannah Weikl vor. Darüber sprechen ist laut Hannah immer der erste Schritt. Das Seminar habe ihr geholfen, sich stark und nicht als Opfer zu fühlen, wie sie sagt: "Es geht einfach darum, das Tabu zu brechen über das Thema zu sprechen, weil wir uns für nichts schämen müssen."
Dr. Sabine Drossard, Oberärztin der Kinderchirurgie, hat die Studie zu sexueller Belästigung in der Medizin geleitet.
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