Wie kann verbale Belästigung verfolgt werden?
Wie kann verbale Belästigung verfolgt werden?
Bild
Kommt es zum Tatbestand "Catcalling"?
Bildrechte: stock.adobe.com/merklicht.de
Schlagwörter
Bildrechte: stock.adobe.com/merklicht.de
Audiobeitrag

Kommt es zum Tatbestand "Catcalling"?

Audiobeitrag
>

Warum "Catcalling" so schwer zu bestrafen ist

Warum "Catcalling" so schwer zu bestrafen ist

Ein anzüglicher Spruch, eine obszöne Geste – für viele Frauen Alltag. Für die Justiz gibt es dafür bislang keinen eigenen Straftatbestand. Die Bundesregierung prüft nun, ob sogenanntes "Catcalling" künftig strafbar werden soll.

Über dieses Thema berichtet: Der Funkstreifzug am .

"Ein alter Mann kam direkt auf mich zu, tippte mich an, grinste mir ins Gesicht und fragt: Willst du Sex?" – Solche Erlebnisberichte bekommt eine Gruppe von Münchner Aktivistinnen und Aktivisten regelmäßig über ihren Instagram-Account zugeschickt. Sie nennen sich "Catcalls of Munich" und dokumentieren Fälle von sogenanntem "Catcalling", also verbaler sexueller Belästigung im Alltag. Die Gruppe macht die Fälle öffentlich, indem sie gemeldete Sprüche mit Kreide an die Orte der Vorfälle schreibt.

Alltag verändert sich für viele Betroffene

Der Begriff "Catcalling“ stammt aus dem Englischen. Er bedeutet wörtlich übersetzt "Katze rufen", weil Frauen wie Katzen angelockt werden sollen. Er beschreibt verbale oder nonverbale sexuelle Belästigung im öffentlichen Raum – etwa anzügliche Kommentare, Pfeifen oder Gesten. Das ist in Deutschland nicht strafbar. Strafbar werden solche Belästigungen meist erst dann, wenn eine körperliche Berührung hinzukommt.

Beim Frauennotruf München berichten viele Frauen von langfristigen Folgen. Beraterin Melanie Schmalzl sagt: "Seit Jahren berichten Betroffene darüber, dass sie ihr Leben ändern, weil sie massiv von sexueller Belästigung im Alltag betroffen sind." Viele würden Umwege gehen, ihr Verhalten anpassen oder bestimmte Orte meiden.

Studien deuten darauf hin, dass Catcalling weit verbreitet ist: 95 Prozent aller Frauen haben solche Erfahrungen schon mal machen müssen, wie eine nicht-repräsentative Online-Umfrage der Universität Trier aus dem Jahr 2022 zeigt. Eine Befragung des Kriminologisches Forschungsinstitut Niedersachsen zeigt außerdem, dass Betroffene solche Situationen besonders häufig im Alter von etwa 19 Jahren erleben.

Aus diesem Grund fordern die Aktivistinnen und Aktivisten von "Catcalls of Munich“, Catcalling strafbar zu machen. Auch Melanie Schmalzl vom Frauennotruf München plädiert für eine Gesetzesänderung. Aktuell bekämen Frauen juristisch nichts an die Hand, sondern müssten das Erlebte einfach ertragen, so Schmalzl.

Bundesregierung prüft Strafbarkeit

Die politische Debatte läuft bereits seit einigen Jahren. 2024 scheiterte ein Gesetzentwurf aus Niedersachsen im Bundesrat, unter anderem wegen juristischer Bedenken. Im September 2025 kochte das Thema wegen eines Vorschlags der SPD-Bundestagsfraktion wieder hoch.

Bald könnte ein weiterer Gesetzentwurf vorliegen: Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) bestätigt auf BR-Anfrage, an einem Vorschlag zu arbeiten. Wann mit dem Vorschlag zu rechnen ist, beantwortet das Ministerium nicht. Auch zur Frage, wie Catcalling im Gesetzentwurf als Straftatbestand definiert wird, macht das Ministerium keine Angaben.

Die rechtspolitische Sprecherin der Unionsfraktion im Bundestag, Susanne Hierl (CSU), sagt dazu auf BR-Anfrage, dass man sich einer Neuregelung nicht verschließe. Eine bloße Symbolpolitik helfe betroffenen Frauen aber auch nicht. Ein solches Gesetz müsse rechtssicher und praxistauglich sein. Hierl verweist darauf, dass das juristisch anspruchsvoll sei.

Schwierige juristische Abgrenzung

Wie Catcalling rechtlich definiert werden kann, ist auch in der Rechtswissenschaft Thema. Fabian Endemann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für internationales öffentliches Recht und Menschenrechtsschutz an der Universität Münster und beschäftigt sich mit verfassungsrechtlichen Aspekten des Strafrechts. Er kritisiert, dass unter Catcalling auch Taten zu verstehen seien, die seiner Ansicht nach nicht ins Strafrecht gehörten, wie zum Beispiel Hinterherpfeifen oder Anmachsprüche: "Aus meiner Sicht sind solche Empörungsdiskurse eben nicht unbedingt zielführend und man sollte sich die Frage stellen, ob das Strafrecht der richtige Ort ist, um so Provokationen zu inszenieren."

Die Forderung, Catcalling strafbar zu machen, sei moralisch eindeutig und leicht verständlich, so der Jurist. Das ändere aber nichts daran, dass der Begriff juristisch problematisch sei.

Für Aktivistin Lotte von den "Catcalls of Munich" steht dennoch die gesellschaftliche Signalwirkung im Vordergrund. Es gehe nicht darum, ob die Strafverschärfung in der Realität umsetzbar sei, "sondern dass festgelegt ist, was falsch ist."

Die ganze Recherche hören Sie im Funkstreifzug am 04.03.2026 um 12:15 Uhr im Radioprogramm von BR24 oder als Podcast in der ARD Audiothek.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!