Gekonnt reißt Nilay Duyar zwei exakt gleich breite Streifen von einem königsblauen Stoff ab. "Hier kommt ein Klebevlies rein, um das Ganze zu verstärken", sagt sie. "Dann wird es nochmal umgeschlagen und gebügelt." Rings um Nilay Duyar stehen Nähmaschinen, daran sitzen mehrere Frauen sowie ein Mann. Sie sind schon lange Zeit arbeitslos. Das Jobcenter hat sie zur Textilwerkstatt der gemeinnützigen GmbH "Münchner Arbeit" geschickt. Im Arbeiten dort sollen sie darauf vorbereitet werden, wieder in den Arbeitsmarkt einzusteigen.
Die Zahl der arbeitslosen Menschen in Deutschland hat zuletzt die Drei-Millionen-Marke geknackt – und rund ein Drittel dieser Menschen sind Langzeitarbeitslose. Das heißt, dass sie ein Jahr und länger arbeitslos sind. Im Januar 2026 lag die Zahl der Langzeitarbeitslosen bundesweit bei 1.073.230. Vor der Corona-Pandemie waren es noch 723.730 gewesen. Seitdem ist die Anzahl der Langzeitarbeitslosen stetig gestiegen. In Bayern nahm sie im Vergleich zum Vorjahr sogar um 13,8 Prozent zu, so die Zahlen des Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales.
Arbeiten, um zu lernen, um zu arbeiten
"Wir haben hier hauptsächlich viele Frauen, die noch nie gearbeitet haben", sagt Nilay Duyar. Sie ist Anleiterin in dem gemeinnützigen Unternehmen. Es hat zum Ziel, den Einstieg von Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt zu fördern. Ihnen will Duyar nicht nur handwerkliche Fähigkeiten beibringen, sondern auch grundsätzliche Skills, die für den Arbeitsmarkt wichtig sind: "Das heißt, die lernen, pünktlich zu kommen, einzustempeln, Pausen, Urlaubsanträge oder, wenn sie Überstunden machen, dann einen Gleittag zu beantragen."
Andere Langzeitarbeitslose haben dagegen schon Jahrzehnte in fester Anstellung hinter sich. Maria zum Beispiel. Sie lernt gerade in der Abteilung "Bürokommunikation" Daten in den Computer einzugeben. "Ich habe mich in der Vergangenheit so überarbeitet, ich war immer Vollzeit beschäftigt und wir hatten immer sehr viele Überstunden aufgrund von Personalmangel", sagt Maria. Sie wurde krank, jahrelang. Inzwischen ist sie schon sechs Jahre raus aus dem regulären Arbeitsmarkt und scheut sich vor neuen Bewerbungen.
Wie kommen Langzeitarbeitslose wieder in den Arbeitsmarkt?
Ängste, Krankheiten, Überarbeitung, Unterqualifizierung, Überqualifizierung: "5.000 Wege führen zur Langzeitarbeitslosigkeit", sagt der Vorstandsvorsitzende der Caritas in der Erzdiözese München und Freising, Hermann Sollfrank. "Vermutlich braucht es auch 5.000 Wege, um wieder rauszukommen". Um diesen Weg gehen zu können, sei es wichtig, Begleitungen wie "Münchner Arbeit" oder andere gemeinnützige Stellen zu fördern, statt Bürgergeld zu streichen. "Über ein reines Sanktionsschema wird man wenig bewegen können", sagt Sollfrank.
Regine von Roell von der Geschäftsleitung der "Münchner Arbeit" schätzt, dass 25 bis 30 Prozent der Langzeitarbeitslosen so wieder in den Arbeitsmarkt kommen könnten. Dass der Rest es womöglich nicht schaffe, "hat auch seine Berechtigung, seinen Grund, warum sie wirklich wenig Chancen haben: psychische Erkrankungen, Suchterfahrung oder schwierige familiäre Verhältnisse", sagt von Roell.
Nilay hat es geschafft – und unterstützt andere Langzeitarbeitslose
Eine von denen, die es in den Arbeitsmarkt geschafft haben, ist Nilay Duyar, die Anleiterin in der Textilwerkstatt. Nach der Schule machte sie keine Ausbildung, sondern hat mehrere Jahre gekellnert, bis sie ein Café gründete. Es lief nicht gut, sie musste schließen und wurde arbeitslos.
Bis sie zur "Münchner Arbeit" kam. "Das war für mich sehr schön zu sehen, dass man mir da eine Verantwortung gibt und ich die auch gut meistere", sagt sie. Statt danach bei einem Unternehmen anzufangen, blieb sie und wurde Anleiterin. Seit sechs Jahren ist sie inzwischen festangestellt.
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
Sie interessieren sich für Religion, Kirche, Glaube, Spiritualität oder ethische Fragen? Dann abonnieren Sie hier den Newsletter der Fachredaktion Religion und Orientierung.
