Die Klasse 4b der Spalatin-Schule in Spalt im Landkreis Roth wird in einem besonderen Raum unterrichtet: einem Innovationsklassenzimmer. Tisch- und Stuhlreihen gibt es hier nicht. Zum Start in den Tag treffen sich die Viertklässler im Sitzkreis, der in der Mitte des Klassenzimmers mit Holzbänken aufgebaut ist. Lehrerin Andrea Junger gibt hier einen kurzen Impuls. Heute zu unregelmäßigen Verben. Dann verteilen sich die Kinder im Raum: Einige sitzen am Fenster, andere klettern in wabenförmige Sitzgelegenheiten an der Wand oder ziehen sich in eine Art Baumhaus zurück. "Ich finde es schön, weil man sich hier besser konzentrieren kann wie im alten Klassenzimmer und es ist leiser hier", sagt Schülerin Linda.
Kein Frontalunterricht: Kinder arbeiten in eigenem Tempo
Andrea Junger unterrichtet ihre Klasse nach dem sogenannten Churer Modell. Frontalunterricht gibt es dabei nicht. Die Kinder arbeiten selbstständig und in ihrem eigenen Tempo Aufgaben ab, die sie für den Tag bekommen haben. Lernphasen wechseln sich mit gemeinsamen Runden im Sitzkreis ab.
Das Innovationsklassenzimmer unterstützt diese Pädagogik, sagt Andrea Junger. "Das Klassenzimmer begünstigt das natürlich dadurch, dass wir einfach verschiedene Möbel haben, verschiedene Sitzmöglichkeiten, wo die Kinder arbeiten können. Auch Rückzugsmöglichkeiten", berichtet Junger.
Das wird von den Kindern sehr gut angenommen. "Man kann überall hingehen, wo es einem gut gefällt hier im Klassenzimmer, und man kann in den Waben an der Wand gut arbeiten", sagt Franz. "Das Gute ist, wir haben einen Boxsack. Wenn man wütend ist, kann man mal eine Runde boxen", erzählt sein Mitschüler Adrian.
Unterstützung für alle Kinder
Die Sorge, dass Kinder in einer offenen Lernumgebung weniger lernen oder abgehängt werden könnten, teilt Klassenleiterin Junger nicht. Sie hat im Raum einen eigenen Besprechungstisch eingerichtet, an dem sie mit einzelnen Kindern oder kleinen Gruppen arbeiten kann. "Sie kommen dann selbst hierher, suchen sich die Unterstützung. Ich habe endlich die Zeit, ihnen gerecht zu werden", sagt Junger.
Entlastung für Lehrkräfte, Rückzug für Kinder
Mit entwickelt wurde das Konzept des Innovationsklassenzimmers von den Grundschulrektorinnen Ulrike Hölzel und Christina Ascher. Aus ihrer Sicht braucht es eine Veränderung der Lernräume. "Die Notwendigkeit, um Kinder weiterzubringen, ist es, von den Kindern aus zu denken und sich zu überlegen: Was brauchen sie?", sagt Ascher.
Außerdem spiele die Akustik im neuen Klassenraum eine zentrale Rolle, sagt Ulrike Hölzel. Der Lärmpegel sei in Grundschulen extrem hoch. "Deswegen auch diese ganzen akustischen Maßnahmen. Auch für die Lehrkraft. Die Gesundheit der Lehrkräfte ist sehr wichtig und wird an der Stelle häufig unterschätzt", so Hölzel. Mit Ganztagsschulen und Ganztagsbetreuung sei es "umso wichtiger, Lernräume zu schaffen, in denen Kinder sich wohlfühlen", sagt Udo Beckmann, Programmleiter des Deutschen Schulleitungskongresses. "Das Wohlbefinden der Kinder wirkt sich dann auch auf das Wohlbefinden der Lehrkräfte aus", ist Beckmann überzeugt.
100.000 Euro für Lernraum der Zukunft
Die Umgestaltung eines alten Physiksaals zum Innovationsklassenzimmer hat an der Spalatin-Schule rund 100.000 Euro gekostet. Finanziert wurde der Raum durch Spenden – zu einem großen Teil von mittelständischen Unternehmen aus der Region. "Wir in der Wirtschaft brauchen natürlich geeignete Fachkräfte, die man dann auch adäquat einsetzen kann. Und nur zu jammern, hilft nichts als Wirtschaft", sagt Peter Steinhoff, Vizepräsident des Europäischen Wirtschaftsforums. Man müsse aktiv werden. Initiator für das Projekt in Spalt war der Rother Landrat Ben Schwarz (SPD). Er hofft, dass von dem Klassenzimmer ein Signal ausgeht. Die Kinder der Klasse 4b nutzen diese neue Bildungschance bereits – und sie tun es gerne.
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