Bio-Milchviehhalter Sepp Schreier aus Gmund am Tegernsee schaut nach Kuh Peperoni. Sie hat vor einer knappen Stunde gekalbt und ist immer noch nicht aufgestanden. Kein gutes Zeichen. Er ruft sicherheitshalber den Tierarzt. Der 35-Jährige will sich und seinen Kühen die Belastungen einer Geburt nicht zu oft zumuten. Deswegen bekommen seine Kühe längere "Kälberpausen".
Üblicherweise läuft es so: Rund zwei Monate nach einer Kalbung wird eine Kuh wieder künstlich besamt. Kühe bekommen also circa jedes Jahr ein Kalb. Nach einer Kalbung gibt eine Kuh sehr viel Milch, circa 30 bis 40 Liter pro Tag, dann sinkt die Milchmenge nach und nach. Durch das häufige Kalben soll die Milchproduktion der Kuh immer auf ein hohes Niveau gehoben werden.
Doppelbelastung: Trächtig sein und möglichst viel Milch geben
In freier Wildbahn würden Kühe wohl auch so häufig kalben, da der Bulle in der Herde jede Brunst erkennt und die Kuh deckt. Kühe sind circa alle 21 Tage brünstig und suchen in dieser Zeit die Nähe zum Bullen, erklärt Georg Hammerl, Leiter am Staatsgut Almesbach. Doch natürlicherweise gibt eine Kuh nur so viel Milch, wie ihr Kalb braucht.
Die heutigen Milchkühe sind aber darauf gezüchtet, weitaus mehr zu geben. Sie haben eine Doppelbelastung: trächtig sein und möglichst viel Milch geben. Dieser Hochleistungsdruck ist für manche Verbraucher ein Grund, die Milchproduktion abzulehnen und zu Ersatzprodukten zu greifen, erklärt Johanna Ecker-Schotte vom Deutschen Tierschutzbund Landesverband Bayern: "Im Grunde ist die Milchkuh dann eine Gebärmaschine. Es sind viel zu viele Kälber."
"Verlängerte Laktation": Größere Abstände bei der Besamung
Sepp Schreier hingegen besamt seine Kühe nicht schon nach rund zwei Monaten, sondern macht den Besamungszeitpunkt von der Milchmenge abhängig. Er wartet, bis eine Kuh nicht mehr ganz so hochleistend ist und nur noch 26 Liter pro Tag gibt. Kuh Olive zum Beispiel wurde nach zehn Monaten immer noch nicht besamt.
Das, was Sepp Schreier macht, nennt sich in der Fachsprache "verlängerte Laktation", da die Phasen, in denen Sepps Kühe Milch geben, länger sind. Er sagt: "Für mich ist es das Richtige. Es ist nicht mehr so der Druck, dass eine Kuh trächtig werden muss. Für jeden Landwirt wird's mit Sicherheit nicht passen, man hat ja auch weniger Kälber."
Bio-Landwirt setzt auf längere Lebenszeit seiner Tiere
Schreier verdient als Biolandwirt wenig an seinen Kälbern. Bio-Kalbfleisch ist vielen Verbrauchern zu teuer. Deswegen ist die Nachfrage nach Bio-Kälbern gering, sodass Schreier seine Bio-Kälber zu einem niedrigen Preis konventionell vermarkten muss. Schreier braucht nur wenige Kälber zur Nachzucht. Er will lieber seine Kühe länger behalten. Dadurch relativieren sich die hohen Aufzuchtkosten. Durch die verlängerte Laktation geben Kühe auf ihr ganzes Leben gerechnet mehr Milch, da es weniger Trockenstehphasen gibt. Die Trockenstehphase ist ein rund zweimonatiger Zeitraum vor einer Kalbung, in dem eine Kuh nicht gemolken wird – Mutterschutz sozusagen.
Der größte Nachteil aus Schreiers Sicht ist, dass die Kühe durch die spätere Besamung häufiger brünstig sind. Dann sind sie unruhiger und können sich gegenseitig, zum Beispiel beim Aufreiten, verletzen. Deswegen separiert er brünstige Kühe für ein paar Stunden, bis sich der Liebesrausch wieder gelegt hat.
Viel Zuspruch im Norden – und gesündere Kühe
Bisher machen es nur wenige Landwirte in Bayern so wie Sepp Schreier, doch die verlängerte Laktation wird immer beliebter. Vor allem in Norddeutschland – wo schwarz-weiße Holstein-Kühe gehalten werden, die durchschnittlich mehr Milch geben.
Über vier Jahre hinweg wurde dort die verlängerte Laktation im Projekt "VerLak" an insgesamt 1.300 Kühen in der Praxis untersucht. Wissenschaftlich begleitet unter anderem von Anke Römer von der Landesforschungsanstalt für Landwirtschaft Mecklenburg-Vorpommern. Sie sagt, die teilnehmenden Bauern seien begeistert. Für jeden Landwirt eigne sich die verlängerte Laktation jedoch nicht. Die Kühe müssen eine hohe Milchleistung haben – mindestens 9.000 Liter pro Jahr – und ihre Milchleistung sollte "persistent" sein, also lange auf einem hohen Niveau bleiben.
Durch die verlängerte Laktation könne außerdem der Antibiotika-Einsatz in den Betrieben gesenkt werden, da die gesundheitlichen Risiko-Phasen im Leben einer Kuh – wie eine Kalbung oder das Trockenstellen – durch die verlängerte Laktation seltener vorkommen.
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