Kühe angekettet in einem Anbindestall
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(Symbolbild) In rund 7.000 Betrieben in Bayern sind Rinder ganzjährig angebunden.
Bildrechte: BR / Sebastian Seibert
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(Symbolbild) In rund 7.000 Betrieben in Bayern sind Rinder ganzjährig angebunden.

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Ganzjährige Anbindehaltung: Warum sie noch erlaubt ist

Ganzjährige Anbindehaltung: Warum sie noch erlaubt ist

Es ist immer noch erlaubt, Kühe ihr Leben lang anzubinden. Sie haben somit nie Auslauf. Über ein Anbindeverbot wird seit Jahrzehnten diskutiert. Warum kommt keines? Und: Werden letztlich Supermärkte und Molkereien für das Anbinde-Aus sorgen?

Über dieses Thema berichtet: Unser Land am .

In rund einem Drittel aller Betriebe in Bayern – also in rund 7.000 – sind Rinder noch ganzjährig angebunden. Das bedeutet, die Tiere haben nie Auslauf. Diese Haltungsform gilt als nicht artgerecht. "Diese Form der Tierhaltung verhindert das Ausleben fast aller natürlichen Verhaltensweisen von Rindern. Die Praxis der Anbindehaltung verstößt schon seit mehreren Jahrzehnten zweifelsfrei gegen das Tierschutzgesetz", sagt Melanie Dopfer vom Deutschen Tierschutzbund.

Über ein Verbot wird schon seit Jahrzehnten diskutiert

Ein Rückblick: Im Jahr 2007 verbietet die EU die Anbindehaltung auf Bio-Betrieben ab 2014. Eine Ausnahme gibt es: Kleine Betriebe dürfen den Anbindestall lassen, wenn die Tiere im Sommer auf die Weide können und im Winter zweimal die Woche Winterauslauf bekommen.

2015 fordert Hessen ein komplettes Verbot der Anbindehaltung. Die damalige schwarz-rote Bundesregierung lehnt das 2016 jedoch ab.

Anbinde-Verbot war schon fast beschlossen

Ende 2021 wird Cem Özdemir von den Grünen Bundeslandwirtschaftsminister. Er will die Anbindehaltung verbieten. Details sind anfangs noch unklar, weshalb alle Anbindehalter – Kombihalter als auch die mit ganzjähriger Anbindehaltung – und der Bauernverband sehr besorgt reagieren und Protestaktionen wie "Rettet Berta!" starten.

Doch letztendlich kommt Özdemir den Bauern entgegen: Er plante, die ganzjährige Anbindehaltung mit einer langen Frist von 10 Jahren zu verbieten. Für kleinere Betriebe sollte die Kombi-Anbindehaltung mit Winterauslauf möglich bleiben – also im Sommer Weide, im Winter Anbindestall mit zweimal wöchentlichem Auslauf. Kurz bevor das Verbot beschlossen werden sollte, zerbrach die Ampelkoalition.

Jetzt alles wieder auf Anfang?

Der aktuelle Bundeslandwirtschaftsminister Alois Rainer von der CSU scheint das Thema – trotz Vorarbeit seines Vorgängers, der damals im Austausch mit Betroffenen war – eher zögerlich aufnehmen zu wollen. Im Interview mit der BR-Landwirtschaftssendung Unser Land sagt er: "Wir wollen auch die Anbindehaltung regeln. Wir wollen aber die Anbindehaltung regeln mit den Betroffenen". Die ganzjährige Anbindehaltung sei ja eh schon ein Auslaufmodell, so Rainer. Er wolle sich dieses Themas im Laufe der Legislaturperiode annehmen und sei der festen Überzeugung, dass sich eine Lösung finde.

Molkereien und Supermärkte fordern mehr Tierwohl

Während die Politik also zögert, machen Molkereien und der Lebensmitteleinzelhandel schon seit rund vier Jahren Druck auf die Anbindehalter. Manche Molkereien kürzen das Milchgeld bei ganzjähriger Anbindehaltung. In den Produkten der Molkerei Berchtesgadener Land etwa ist keine Milch mehr aus ganzjähriger Anbindehaltung. Auch bei Aldi, Lidl und Edeka gibt es inzwischen keine Trinkmilch mehr der Haltungsstufen 1 und 2.

Auslaufmodell ohne Frist

Allen Beteiligten ist klar, dass die ganzjährige Anbindehaltung ein Auslaufmodell ist – nur eben ohne Frist. Deswegen werden viele Anbindehalter – vor allem ältere, ohne Nachfolge – noch so lange weitermachen, wie es kein Verbot gibt. Manche Anbindehalter können oder wollen nicht umbauen – so wie der 46-jährige Landwirt Martin Höher.

Der Milchviehhalter aus dem Landkreis Ebersberg hat verschiedene Stallumbau- und Stallneubauoptionen durchkalkuliert und sich letztendlich dagegen entschieden – zu teuer. Er will in den nächsten Jahren mit der Milchviehhaltung aufhören – betont jedoch, dass es Kühen auch in Anbindeställen gut gehen kann. Tierwohl hänge vom Betriebsleiter ab, sagt er. In jeder Haltungsform könne es den Tieren gut oder schlecht gehen, wenn der Bauer sich (nicht) entsprechend um seine Tiere kümmert.

Stallneubau ist teuer

Bernhard Frank, 29 Jahre alt, Milchviehhalter aus dem Landkreis Erding, hat sich für einen anderen Weg entschieden: Schluss mit ganzjähriger Anbindehaltung und Stallneubau. Er hat rund eine Million Euro investiert in einen modernen Laufstall für 65 Kühe mit Weidezugang, Melkroboter und Hofmolkerei. Die Arbeitsbelastung sei durch den modernen Stall weniger geworden, sagt er. "Insgesamt merkt man einfach, die Kühe sind viel ruhiger geworden. Es funktioniert eigentlich alles relativ gut und es gibt auch relativ wenig, was ich anders umsetzen würde. Also ich bin zufrieden", erklärt Bernhard Frank.

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