Chaotische Szenen am Welfen-Gymnasium in Schongau: Schüler rennen über den Schulhof, manche gehen von einem Feueralarm aus. Jeder habe versucht, irgendwie aus dem Schulgebäude zu kommen, so schildern Schüler gegenüber BR-Reportern die Situation nach der mutmaßlichen Amoktat. Schilderungen, die Fragen aufwerfen: Wie gut sind Bayerns Schulen gegen solche Gefährdungslagen vorbereitet. Werden konkrete Übungen von Notlagen abgehalten? Sind solche Übungen überhaupt sinnvoll? Hier gehen die Meinungen auseinander.
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Ministerium schreibt Sicherheitskonzept für jede Schule vor
Fakt ist: In Bayern gibt es für die rund 4.600 staatlichen Schulen detaillierte Vorschriften zu Gefährdungslagen. In einer Bekanntmachung des bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus von 2018 heißt es, dass jede Schule ein Sicherheitskonzept zu entwickeln und jährlich zu aktualisieren habe. Dieses Konzept solle laut Ministerium gemeinsam mit dem Schulaufwandsträger und der Polizei ausgearbeitet werden.
Darin sollten auch Verhaltenshinweise bei Gefahrenlagen stehen. Ein Aspekt ist etwa, dass es an jeder Schule ein "schulisches Krisenteam" gibt, dem die Schulleiterin oder der Schulleiter vorsteht. Von der Schulaufsicht werden diese Sicherheitskonzepte regelmäßig überprüft. Ob und wie das Sicherheitskonzept am Welfen-Gymnasium aussieht, konnte bisher nicht geklärt werden.
Experte zu Übungen von Amok-Angriffen: "Raten deutlich davon ab"
Eine erste Recherche zeigt: Während Schulen regelmäßig das Verhalten in Notfällen wie Feueralarm üben, werden Gewalttaten eher selten simuliert. Laut Experten aus gutem Grund: "Wir raten ganz deutlich davon ab, Schülerinnen und Schüler im Verhalten eines Amokfalls zu schulen", sagt Notfall-Experte Peer-Niclas Unger. Kinder hätten "ein ganz anderes Gefahrenbewusstsein und nehmen Bedrohungen anders wahr", so der Hochschuldozent und frühere Polizist.
Unger bildet nach eigenen Angaben bundesweit Lehrerinnen und Lehrer in Sachen Amoktaten fort. Dabei übe er mit Lehrern, wie sie sich in einem Raum möglichst schnell einschließen und die Tür verbarrikadieren. Mit Schülerinnen und Schülern halte er hingegen keine Übungen ab. Denn: Eine Übung mit Schülern führe zum Gegenteil dessen, was man erreichen möchte, so Unger: "Die Erfahrung von Schulen, die das gemacht haben, zeigt, dass Kinder anschließend Ängste entwickeln und nicht mehr zur Schule gehen wollen. Und genau das wollen wir ja nicht. Wir wollen ja ein Sicherheitsgefühl erzeugen", so der gelernte Polizist im BR24-Interview.
Es gibt noch einen zweiten Grund, warum das Üben mit Schulklassen laut Experten nicht sinnvoll ist: Die Täter kämen in den meisten Fällen aus der Schulfamilie und sollten das Schutzkonzept nicht kennen, weil sie es sonst umgehen könnten.
Bayerischer Lehrerverband: "Schutzkonzepte nicht nur in Schubladen"
Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) möchte die konkrete Tat in Schongau nicht kommentieren. Zur Frage nach Schutzkonzepten und Übungen an bayerischen Schulen sagt Verbandspräsidentin Simone Fleischmann, dass alle Schulen Schutzkonzepte hätten: "Diese liegen nicht in der Schublade, sondern die werden besprochen mit den Schülerinnen und Schülern. Die werden trainiert, die werden mit den Lehrern in den Konferenzen durchgegangen und vor allem mit der Polizei und auch dem Kriseninterventionsteam en detail durchgesprochen."
Die Notfallpläne seien an den Schulen bekannt, so Fleischmann: "Wir wissen, wo wir hinflüchten müssen, wo zusperren, wo aufsperren, wo das Licht aus und an." Gleichwohl bräuchten die Schulen Unterstützung, so Fleischmann. Und in einer Krisensituation reagiere nicht jeder "tippitoppi".
Sicherheitskonzepte nur in der Schublade?
Der Experte für Notfälle an Schulen widerspricht teilweise: Es gebe Schulen in Bayern die sich sehr gut aufgestellt und ihr Kollegium auch trainiert hätten, so Unger, "aber es gibt auch Schulen, da ist das ein 'Schubladen-Thema', also der Notfallplan liegt bereit, aber er wurde länger nicht rausgeholt."
Das bayerische Innenministerium schreibt auf BR24-Anfrage, dass es eine schriftliche Empfehlung für die Erstellung von Sicherheitskonzepten veröffentlicht habe. Darin stünden auch Maßnahmen‑ und Verhaltenshinweisen für Gefahrenlagen an Schulen. "Die Empfehlung betont ausdrücklich die Notwendigkeit eines kontinuierlichen Austauschs zwischen Schule, Polizei und anderen Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben", so das Innenministerium. BR24 wollte auch vom bayerischen Kultusministerium erfahren, wie häufig Notfall-Übungen vorgesehen seien, welches Verhalten von Lehrkräften und der Schülerschaft im Falle eines Amoklaufs vorgesehen sei und ob an bayerischen Schulen Code-Wörter im Falle einer Gewalttat eingesetzt würden.
Die Antwort des Ministeriums: "Ob und in welcher Form Übungen durchgeführt werden, entscheidet die Schule gemeinsam mit ihrem Krisenteam und in enger Abstimmung mit der Polizei." Das Welfen-Gymnasium verfüge über ein aktuelles Sicherheitskonzept aus dem Schuljahr 2025/26, das durch die Schule mit der Polizei und dem schulischen Sachaufwandsträger abgestimmt wurde. "Eine Evaluation und Aktualisierung ist an allen Gymnasien jährlich vorgesehen und wird im vorliegenden Fall ebenfalls erfolgen."
Im Audio: Amokfall Schongau: Wenn der Ernstfall kommt – taugen die Schul-Konzepte?
Polizeieinsatz am Schongauer Welfengymnasium
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