Das Besondere an der Technologie der kanadischen Firma Eavor: Anders als bei der klassischen Tiefengeothermie wird kein heißes Tiefenwasser aus natürlichen Reservoiren gefördert. Stattdessen nutzt das System ein geschlossenes Rohrsystem tief im Gestein. In diesem Kreislauf zirkuliert eine Flüssigkeit mehrere Kilometer unter der Erde. Sie nimmt dort Wärme aus dem heißen Gestein auf und transportiert sie an die Oberfläche.
Das Prinzip lässt sich vereinfacht mit einer umgekehrten Fußbodenheizung vergleichen: Während bei einer Fußbodenheizung warmes Wasser Wärme an den Raum abgibt, nimmt die Flüssigkeit im Untergrund hier Wärme aus dem Gestein auf.
Zentimetergenaues Bohren in großer Tiefe
Beim Projekt in Geretsried reichen die senkrechten Bohrungen etwa 4,5 Kilometer tief in die Erde. Von dort werden mehrere seitliche Bohrungen ins Gestein abgelenkt, die teilweise mehrere Kilometer horizontal verlaufen und unterirdisch miteinander verbunden werden.
So entsteht ein geschlossenes Rohrsystem, in dem die Flüssigkeit zirkuliert und Wärme aufnimmt. Ein wichtiger technischer Schritt war dabei das präzise Verbinden der Bohrungen tief im Untergrund. Gleichzeitig konnte erstmals nachgewiesen werden, dass der Wärmeträger in diesem System tatsächlich natürlich zirkuliert.
Die Looptechnik von Eavor funktioniert wie eine umgekehrte Fußbodenheizung. Wärme wird hier aufgenommen und nach oben transportiert.
Erste Stromproduktion läuft
Der erste unterirdische Kreislauf liefert derzeit rund 10 Megawatt thermische Leistung. Da die Stadt Geretsried ihr geplantes Fernwärmenetz erst nach weiteren Ausbauschritten errichten will, wird die Energie momentan in Strom umgewandelt. Die Anlage speist aktuell rund ein Megawatt elektrische Leistung ins regionale Stromnetz ein. Insgesamt ist das Kraftwerk auf 8,2 Megawatt Stromleistung ausgelegt und soll langfristig zusätzlich 64 Megawatt Fernwärme für die Region bereitstellen.
Anlage dient zunächst als Testprojekt
Beim ersten Loop ging es laut Unternehmen vor allem darum, die Technologie unter realen Bedingungen zu erproben. Deshalb wurde das ursprüngliche Bohrdesign zunächst von zwölf auf sechs Seitenbohrungen reduziert, um möglichst früh Strom ins Netz einspeisen zu können. Während der Bohrkampagne habe sich eine deutliche Lernkurve gezeigt. Die Bohrzeit pro Seitenbohrung konnte um rund 50 Prozent reduziert werden, gleichzeitig stieg die Bohrgeschwindigkeit im Gestein um mehr als 90 Prozent, heißt es auf BR-Nachfrage. Einige der späteren Bohrungen wurden bereits in einem einzigen Durchgang erstellt.
Chancen – aber auch offene Fragen
Fachleute sehen in der sogenannten Closed-Loop-Technologie eine mögliche Ergänzung zur bisherigen Geothermie. Weil kein natürliches heißes Wasserreservoir notwendig ist, könnte die Technik an deutlich mehr Standorten weltweit eingesetzt werden. Zudem gilt Geothermie als grundlastfähig und liefert kontinuierlich Energie – unabhängig von Wetter oder Tageszeit. Allerdings befindet sich die Technologie noch in einer frühen Entwicklungsphase. Entscheidend wird sein, ob sich die Anlagen langfristig wirtschaftlich betreiben lassen und wie aufwendig die komplexen Bohrungen bleiben.
Nächste Ausbaustufe geplant
Derzeit wertet das Unternehmen die Daten aus dem ersten Loop aus. Die Erkenntnisse sollen in die Planung weiterer unterirdischer Kreisläufe einfließen. Nach aktuellen Planungen könnten die Bohrarbeiten für einen zweiten Loop in der zweiten Jahreshälfte beginnen. Bis dahin bleibt das Projekt in Geretsried vor allem ein Pilotprojekt für eine neue Form der Geothermie.
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