Ein überfülltes Wartezimmer, gestresste Ärztinnen und Ärzte, stundenlange Wartezeit und überarbeitete Pflegekräfte: Das ist bei vielen die Vorstellung oder sogar Erfahrung aus Notaufnahmen in Krankenhäusern. Die München Klinik (MüK) will das ändern: Sie strukturiert an ihren vier Standorten in Harlaching, Bogenhausen, Schwabing und Neuperlach die Notfallversorgung um. Nach gut einem Jahr zeigen sich, vor allem in Harlaching, erste messbare Erfolge.
80 Prozent der Patienten müssen gar nicht mehr warten
Bei einem Pressetermin ist es ruhig und leer im Wartezimmer der MüK in Harlaching. Kein einziger Patient sitzt dort. Das, so berichtet Florian Lemmink, der Leiter der Notaufnahmen der München Klinik, sei nicht nur so, weil Fotografen und Reporterinnen durch die Gänge geführt werden. Das Wartezimmer sei mittlerweile zu 80 Prozent leer, das heißt: 80 Prozent der Patientinnen und Patienten kommen sofort dran, sie müssen nicht warten. Das sei bundesweit einzigartig, erklärt MüK-Geschäftsführer Götz Brodermann.
Mehr Patienten, weniger Zeit in der Notaufnahme
Das neue Konzept scheint aufzugehen. Noch dazu weil seit dem Neubau sogar mehr Patientinnen und Patienten pro Tag nach Harlaching kommen oder vom Rettungsdienst gebracht werden. Gut 100 sind es statt wie bisher etwa 70. Und die müssen viel kürzer in der Notaufnahme bleiben: früher im Durchschnitt fünf Stunden, jetzt nur noch 2,9.
Vorbild ist das Krankenhaus in Cottbus in Brandenburg. Dort hat der Notfallmedizin-Experte Tim Flasbeck die Notaufnahme umgebaut. Jetzt ist er in München tätig, als Direktor Innerklinische Notfallmedizin und Projektleiter für die Neustrukturierung.
"Herzlich willkommen!" statt: "Bitte verpissen Sie sich!"
Das Projektteam habe, so erzählt Florian Lemmink, in den Notaufnahmen "alles einmal auf links gedreht". Viele Impulse und Ideen seien dabei nicht von externen Beratern, sondern aus dem Team selbst gekommen. Vieles wurde grundlegend verändert. Das bedeutet konkret: Schon die Einarbeitung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ist neu. Es gibt jetzt jeden Tag Schulungen, die Abläufe sind an allen vier Standorten standardisiert worden, die Zusammenarbeit mit den Fachabteilungen und den Stationen in den Kliniken wurde verbessert, ebenso die Diagnostik sowie die Triage.
Schon bei der Begrüßungskultur fange es an, erklärt Lemmink. So sei eine einheitliche Willkommenskultur etabliert worden, um Patientinnen und Patienten höflich, schnell, standardisiert und qualitativ hochwertig medizinisch ersteinzuschätzen. Und nicht, wie in früheren Zeiten bei all der Überforderung, nur den Gedanken zu haben: "Bitte verpissen Sie sich wieder", wie es Tim Flasbeck aus Sicht des medizinischen Personals auf den Punkt bringt.
Neuer Zwischenwartebereich und Zeitmanagement
Damit Patientinnen und Patienten, die nach der Erstbehandlung im Krankenhaus bleiben, nicht unnötig lange Kapazitäten in der Notaufnahme binden, wurde ein Zwischen-Warte-Bereich eingeführt. In der sogenannten "Holding" liegen diese Patienten bereits erstversorgt in Krankenhausbetten - so lange, bis ein Bett auf der Station frei ist und sie abgeholt werden können. Dieser neue Ablauf erspare den Pflegekräften beispielsweise im Vergleich zur früheren Struktur bis zu 15 Telefonate zwischen Notaufnahme und Station, erklärt Notaufnahme-Leiter Lemmink. Und Patienten erspare er stundenlange Aufenthalte in der Notaufnahme. Früher, so Lemmink, waren das im schlimmsten Fall bis zu 38 Stunden.
Auch Statistiken nutzt das Projektteam: Es sei abzusehen, wie viele Menschen zu welcher Uhrzeit in die Notaufnahme kommen und wie viele von ihnen dann einen Platz auf einer Station benötigen werden, so Lemmink. Dies soll den Stationen vorab mitgeteilt werden, dass dort Termine so vergeben werden können, dass es – trotz der Patienten aus der Notaufnahme - nicht zu Engpässen kommt.
Arbeitsplätze sind gefragt
Die derzeitige Doppelbelastung in Zeiten der Umstrukturierung sei hart für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, so Flasbeck. Er zolle dem Team höchsten Respekt, dass es die Neuausrichtung mitgehe. Doch das Vorbild Cottbus zeige: Es lohne sich, nicht nur für die Patientinnen und Patienten. Die Arbeit in der Notaufnahme in Cottbus sei mittlerweile so gut strukturiert, effizient und erfolgreich, dass es eine Warteliste gebe für freie Arbeitsplätze.
Deutlich weniger Abmeldungen von Rettungsleitstelle
Eine weitere Zahl zeigt, was der Umbau bewirkt hat: 2024 noch mussten sich die München Kliniken an rund 200 Tagen pro Jahr bei der Rettungsleitstelle wegen Überfüllung abmelden. Der Rettungsdienst konnte dann keine Verletzten mehr dort zur Notaufnahme bringen. Diese Abmeldungen sind durch das neue Konzept bereits um fast 60 Prozent weniger geworden.
Nach Harlaching wird das neue Konzept jetzt auch an den anderen drei Standorten der München Kliniken umgesetzt. Das Projekt ist auf insgesamt drei Jahre angelegt.
Transparenzhinweis: In den Kommentaren unter diesem Artikel haben sich mehrere Userinnen und User gewünscht, mehr darüber zu erfahren, wie das neue Konzept konkret funktioniert. Wir haben den Text daher am 14.10. um einen Absatz mit konkreten Beispielen ergänzt.
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