Der Wald ist tief verschneit, es hat die letzten Tage gefroren. Für viele Jäger heißt das: füttern. Martin Braun, Vorsitzender der Jägervereinigung Landkreis Pfaffenhofen, fährt einmal die Woche seine Futterstellen im Revier ab und füllt sie mit Mais- und Körnerbruch. "Für mich ist jetzt Notzeit", erklärt er: "Da brauchen die Rehe etwas Kraftfutter, um gut durch den Winter zu kommen."
"Notzeit" ist nicht definiert
In "Notzeiten" ist der Jäger verpflichtet, die Wildtiere zu füttern. Aber wann oder was eine Notzeit ist, steht nicht im Jagdgesetz. In Bayern entscheidet das der Jäger. Mit einer Einschränkung: Fütterungen gelten als "missbräuchlich", wenn sie den "ernährungsphysiologischen Bedürfnissen der jeweiligen Wildart nicht entsprechen" (AVBayJG § 23a). Dann kann die Untere Jagdbehörde den Jäger ermahnen oder sogar ein Bußgeld ausstellen. Sind Mais und Körner nun "missbräuchlich"?
Mais schadet den Rehen
Ja, meint Martina Hudler von der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf: "Im Winter einem Reh Körnermais anzubieten, ist grob fahrlässig", so die Wildbiologin. "Wir haben hier viele Stärkeeinheiten, die schnell fermentiert werden, und das produziert extrem viel Säure im Pansen, also im Magensystem der Rehe, und das schadet ihnen." Das heißt: Mais wirkt wie Brausepulver im Pansen der Rehe. Die empfindlichen Mikroorganismen im Verdauungstrakt geraten aus dem Gleichgewicht, der Pansen übersäuert, das Tier wird krank.
Das stützt auch der Bayerische Jagdverband, der auf Anfrage mitteilt: "Rehwild benötigt in den allermeisten Revieren keine Winterfütterung. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zeigen, dass insbesondere Getreide und Mais, vor allem als Einzelfuttermittel, problematisch sind."
Heu als Futter für Rehe
Aber was wäre das richtige Futter? Wenn der Winter extrem hart ist und der Jäger es für erforderlich hält, könne man Rehen Heu, Grummet oder Laubstreu geben. Aber außerhalb des Hochgebirges brauche es gar keine Reh-Fütterung, so die Wildbiologin. "Es gibt genug Nahrung und der Schnee konserviert sie sogar." Martina Hudler kratzt mit den Händen den Schnee beiseite und am Waldboden werden Moose, Brombeerblätter und kleine Sträucher sichtbar.
Füttern verhindert Wildverbiss?
Martin Braun, der Jäger, reduziert seine Bemühungen um das Wohlergehen der Rehe nicht auf die Futterhäuschen - er legt auch Wildäcker an, sorgt für Äsung. Er hat auch probiert, den Tieren Heu zu geben, das habe aber nicht funktioniert, sagt er. Seine Meinung: Ein bisschen Kraftfutter brauchen die Rehe schon, die Wildtierkamera zeige ja, dass sie nur geringe Mengen Kraftfutter zu sich nehmen - sein Standpunkt: "Sie portionieren selbst."
Jäger Braun füttert aber auch, um den Wildverbiss zu reduzieren. "Wenn ich sie füttere, verbeißen sie weniger Bäume im Wald". Philipp Maldoner, Forstamtsleiter am Amt für Landwirtschaft und Forsten Ingolstadt-Pfaffenhofen an der Ilm, schüttelt den Kopf: "Das stimmt nicht. Wenn sie Mais oder Körner bekommen, verbeißen die Rehe sogar noch mehr Triebe und Knospen". Der Grund: Die Tiere müssen die viele Säure im Pansen ausgleichen, mit faserreicher Nahrung wie kleinen Bäumchen. Auch der Bayerische Jagdverband schreibt: "Fehlerhafte Fütterung schadet sowohl dem Wild als auch dem Wald."
Besser keine Fütterung
Martina Hudler plädiert dafür, Rehe nicht zu füttern. "Die Tiere sind an winterliche Verhältnisse angepasst, sie haben Fettreserven und fahren ihren Stoffwechsel runter, sodass sie gar nicht so viel Nahrung benötigen." Was Rehe im Winter brauchen, sei kein Futter vom Menschen, sondern Ruhe.
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