Am Allgäu-Gymnasium in Kempten spüren Schülerinnen und Schüler, wie wichtig das Erinnern ist. Deshalb haben sie sich in einem P-Seminar mit den Schicksalen und Geschichten jüdischer Familien in ihrem Heimatort beschäftigt. Ihr Anliegen: Den Opfern des Holocaust ein Gesicht zu geben. Und vor allem junge Menschen damit zu erreichen.
Jüdische Schicksale erzählen
Die Schülerinnen und Schüler haben die Familiengeschichte von Samuel und Julie Walter recherchiert. Das Ehepaar lebte in der Kemptner Innenstadt, im Erdgeschoss führten sie ein angesehenes Bekleidungsgeschäft, ihre Wohnung lag im 2. Stock. Bis zum Jahr 1938. Die Eheleute werden zusammen mit ihrer Nichte Edith Landauer ins Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Samuel wird im September 1942 dort ermordet. Julie nur ein halbes Jahr später.
Für den Schüler Moritz ist das unvorstellbar: "Die Menschen, die so integriert waren in der Gesellschaft, also die jede und jeder in Kempten kannte, und die plötzlich aus dem Leben gerissen und zerstört wurden. Das fällt einem schwer nachzuvollziehen und geht einem schon nahe."
Aufklären, erinnern, Verantwortung übernehmen
Die Nachforschungen zu der jüdischen Familie sind Teil eines P-Seminars im Fach Geschichte am Allgäu-Gymnasium. Dort wollen die Schülerinnen und Schüler den Namen auf den Stolpersteinen in Kempten ein Gesicht geben. "Stolpersteine digital" heißt das Projekt.
Die Kemptener Stolpersteine, die es bereits gibt, haben die Schülerinnen und Schüler mit einer Plexiglastafel samt QR-Code ergänzt. Der führt auf eine Homepage, auf der die Geschichten und Fotos zu den Namen zu finden sind. Für die Schülerinnen und Schüler ist es wichtig, auch junge Menschen abzuholen. "Jetzt kann jede und jeder nachlesen, wer genau hinter den Namen auf den Gedenksteinen steckt – und damit auch in ein Gesicht blicken."
Intensive Recherche: Zeitzeugen treffen und Deportationsbögen lesen
Mit Hilfe des Lokalzeitungsfotografen Ralf Lienert kommen die Gymnasiasten an wichtige Unterlagen und Fotografien. Sie werten Dokumente aus dem Stadtarchiv Kempten und den Arolsen Archiven aus, lesen Deportationsbögen. Die Schüler treffen aber auch Zeitzeugen, etwa Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, und den Holocaust-Überlebenden Abba Naor.
Schüler Moritz reiste für seine Recherchen sogar allein bis nach Wien. Das Nachspüren der Geschichte vor Ort, der Blick auf das Schicksal eines Einzelnen hat ihn sehr bewegt: "Gleichzeitig ist es natürlich schon krass, wenn auch Leute sagen, sie wissen eigentlich gar nicht genau, was der Holocaust ist. Ich finde das fatal, weil das eigentlich so fundamental ist für das Verständnis, wer wir eigentlich sind als Deutsche und was in unserem Land passiert ist."
Dass Geschichte verharmlost wird, kam auch am Allgäu-Gymnasium schon mehrfach vor: der deutsche Gruß im Klassenzimmer oder Hitler-Bilder im Klassenchat. Schulleiterin Claudia Scharnetzky zieht diese Schüler konsequent zur Verantwortung. Aber noch wichtiger ist, im Vorfeld aufzuklären, dass es gar nicht zu solchen Vorfällen kommt. Und dazu zählt auch die Auseinandersetzung mit der Geschichte. Von Jugendlichen für Jugendliche.
Mehr zum Thema "Erinnerungskultur - Gegen das Vergessen" in der Sendung STATIONEN in der ARD Mediathek.
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