Die Inschrift "Arbeit macht frei" ist auf einem Tor am Eingang der KZ-Gedenkstätte Dachau zu sehen.
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Holocaust-Wissen im TikTok-Format
Bildrechte: picture alliance/dpa | Matthias Balk
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Holocaust-Wissen im TikTok-Format

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"Shoah Stories": Holocaust-Wissen im TikTok-Format

"Shoah Stories": Holocaust-Wissen im TikTok-Format

Auf TikTok erzählen Gedenkstätten Geschichte in kurzen Videos: Eine neue Bildungsplattform - namens "Shoah Stories" - bündelt diese Inhalte jetzt. Sie will junge Menschen dort erreichen, wo sie sind.

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

"Hey TikTok, ich habe eine Frage: Was hältst du davon, dass KZ-Gedenkstätten TikTok-Videos machen?" Ein Junge spricht direkt in die Kamera. Was folgt, ist Holocaust-Wissen im Hochformat: kurze Videos. Dahinter steht die Überzeugung, dass Erinnerungskultur heute auch dort präsent sein muss, wo junge Menschen ihren Alltag verbringen: auf sozialen Plattformen, in neuen Formaten wie kurzen Videos.

Mehr als die Hälfte der Jugendlichen bei Tiktok

Zahlen stützen diesen Ansatz: Laut der JIM-Studie 2025 des Medienpädagogischen Forschungsverbunds Südwest nutzt mehr als die Hälfte der 12- bis 19-Jährigen in Deutschland TikTok oder Instagram täglich oder mehrmals pro Woche. Wer diese Zielgruppe erreichen will, muss ihre Medienrealität ernst nehmen.

Wie das aussehen kann, zeigen einzelne Clips, die inzwischen millionenfach gesehen wurden. In einem 24 Sekunden langen Video spricht die Holocaust-Überlebende Lily Ebert: Sie zeigt die Nummer, die ihr im Konzentrationslager in den Arm tätowiert wurde: A-10572. "Sie riefen uns nicht beim Namen, wir waren keine Menschen mehr, wir waren nur eine Nummer."

"Shoah Stories" auf TikTok

Solche Videos bündelt seit heute die internationale Bildungsplattform "Shoah Stories". Mehr als 20 Gedenkstätten, Museen, Bildungseinrichtungen und Zeitzeugen weltweit stellen dort ihre Kurzvideos bereit, ergänzt um didaktisch aufbereitete Materialien für den Unterricht. Die Plattform richtet sich an Schülerinnen und Schüler ebenso wie an Lehrkräfte. Das Ziel: Geschichtswissen vermitteln, Demokratiebildung stärken und dem wachsenden Antisemitismus sowie digitaler Hetze faktenbasierte Inhalte entgegensetzen.

Geleitet wird das Projekt vom deutsch-israelischen Film- und Medienwissenschaftler Tobias Ebbrecht-Hartmann. Der Ausgangspunkt war eine Kontroverse, wie er erzählt: Junge Nutzer, die sich auf TikTok als Holocaust-Überlebende inszenierten und damit Kritik auslösten. Die Konsequenz, so Ebbrecht-Hartmann: Es braucht bessere, verantwortungsvolle Inhalte auf diesen Plattformen.

Über 70 Institutionen nahmen an Trainingsseminaren teil, um ihre Expertise in das Format kurzer Videos zu übersetzen. Damit diese Inhalte nicht im Strom der Feeds verschwinden und nur kurzlebig auf Plattformen existieren, entstand eine eigene Bildungsplattform.

TikTok-Projekt: Zustimmung und Skepsis

Karin Prien, Bundesbildungsministerin von der CDU, findet das Projekt gut: Fake News und Fake Accounts erschwerten es zunehmend, Fakten von Fiktion zu unterscheiden. Die frei zugänglichen Materialien von "Shoah Stories" böten einen niedrigschwelligen, jugendgerechten Zugang zur Geschichte der Shoah.

Auch Stefan Düll, Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, meint im BR24-Interview: Die Verbindung von Zeitzeugen-Aussagen und Kurzvideoformat spreche die junge Generation an. Der aus Bayern stammende Lehrerpräsident warnt aber vor der Herausforderung, die Zeugnisse der Geschichte des Holocausts so zu vermitteln, dass sie nachdrücklichen Bestand haben "gegenüber dem bildlich allgegenwärtigen Leid der Gegenwart im Internet".

Kritischer äußert sich Heike Radvan vom Institut für Rechtsextremismusforschung der Universität Tübingen im SWR-Interview: TikTok sei nicht reguliert, extrem rechte Narrative fänden dort leicht Verbreitung. Es brauche aber auch Gegennarrative dort. Kurze Videos könnten Neugier wecken – die vertiefte Auseinandersetzung mit dem Holocaust aber brauche Zeit. "Dafür ist dann TikTok ganz grundsätzlich nicht mehr geeignet." Dennoch sei das Projekt eine Antwort, um Jugendliche mit dem Thema in Kontakt zu bringen.

Digitale Holocaust-Vermittlung – Forschung und Förderung

Gefördert wird "Shoah Stories" von der Alfred Landecker Foundation, durchgeführt vom Anne Frank Zentrum. In Kooperation mit der Hebräische Universität Jerusalem wird begleitend evaluiert, wie Jugendliche mit Kurzvideos über den Holocaust umgehen, welche Themen und Formate sie ansprechen und welche Rückschlüsse sich daraus für die digitale Holocaust-Vermittlung ergeben.

Das Projekt baut auf der internationalen TikTok Shoah Gedenk- und Bildungsinitiative auf, die seit 2021 weltweit über 50 Gedenkstätten, Museen und Organisationen dabei unterstützt hat, eigene TikTok-Kanäle aufzubauen.

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