Am Pegel unterhalb des Kraftwerkes in Gersthofen kann man es ablesen: Über einen Meter tiefer als sonst steht das Wasser zu dieser Jahreszeit. Von den fünf Turbinen im Maschinenhaus laufen im Moment nur zwei. Lars Leifeld von den Lechwerken bestätigt die Ausnahmesituation: "Also, wenn wir uns ein normales Wasserhaushaltsjahr anschauen, dann sind normalerweise Mai, Juni, Juli, August die feuchtesten Monate, sodass normalerweise die Sommer schon sehr, sehr ertragsreich sind." Leifeld rechnet mit einem Ertragsrückgang von etwa 30 Prozent in diesem Sommer.
Bayern erzeugt viel Ökostrom
4,7 Prozent ist der Anteil der Wasserkraft bei der Stromproduktion bundesweit. Bei 22,1 Prozent Wasserkraftanteil in Bayern fällt da ein Rückgang deutlich stärker ins Gewicht. Die Furcht vor Strommangel erscheint also angebracht, aber auch ein Gesamtblick auf den Strommix in Bayern: Insgesamt kommen 75 Prozent des produzierten Stroms aus regenerativen Quellen (Stand 2024). Das bedeutet, neben den 22,1 Prozent Wasserkraft, sind es 29 Prozent aus der Photovoltaik, 8,5 Prozent aus Windkraft, 15,2 Prozent aus Biomasse und 0,9 Prozent aus anderen erneuerbaren Energieträgern wie etwa Geothermie. Der wichtigste konventionelle Energieträger ist Erdgas mit 19,8 Prozent.
Gerade dank der Photovoltaik sieht Lars Leifeld kein Risiko von Strommangel: "Es wurde in den letzten Jahren viel Photovoltaik zugebaut, die arbeitet jetzt auf Hochtouren." Außerdem ist der Strommarkt heute europäisch und die Länder helfen sich gegenseitig aus.
Wasserkraft für Stabilisierung des Stromnetzes notwendig
Trotzdem behält die Wasserkraft auch in der Trockenheit wichtige Aufgaben, so Leihfeld: "Kaum ein Energieträger kann so gut zur Stabilisierung des Stromnetzes beitragen wie die Wasserkraft!" Das ist nötig, weil immer wieder plötzliche Schwankungen beim Stromverbrauch auftreten: etwa wenn in der Dämmerung überall in Bayern Straßenlaternen und Lichter eingeschaltet werden oder in einer Fabrik ein großer Stromverbraucher abgeschaltet wird.
Dann können die Wasserkraftwerke Schleusen öffnen oder schließen und ihre Stromproduktion so relativ schnell dem Bedarf anpassen. So halten sich die Stromproduktion und der -verbrauch immer in etwa die Waage. Bei einem Gaskraftwerk zum Beispiel ist das Auf- und Abregeln nicht so schnell möglich.
Wasserkraftwerke stabilisieren den Wasserpegel
Bei der aktuellen Trockenheit sorgen die Kraftwerke durch den Aufstau von Wasser für stabile Pegelstände. "Wir lassen nur so viel Wasser durch, wie vom Oberlauf her nachfließt", sagt Leifeld. Umweltschützer sehen das aber insgesamt kritisch. Der Gewässerökologe Manfred Holzner betont hier, dass bei natürlichen Flussläufen viel mehr Wasser im Boden versickern könne. So hätte man einen natürlichen Wasserspeicher.
"Aber gerade in den Unterläufen der Flüsse ist es längst zu spät", so Holzner: "Da müssen wir das Wasser immer wieder durch Staustufen speichern." Durch Besiedlung und Landwirtschaft stünden gar nicht mehr die nötigen Flächen zur Verfügung, damit die Flüsse wieder natürlich fließen könnten.
Das Problem ist auch die Erosion
Die Erosion ist ein Problem vieler Gewässer in Bayern. Durch Begradigung und Verbauung fließt das Wasser deutlich schneller. Dadurch wird ständig Material vom Grund der Flüsse weggespült. Die Folge: Flussläufe graben sich immer tiefer in die Landschaft ein. Viele der Staustufen und Kraftwerke, erklärt Manfred Holzner, seien gebaut worden, um diesen Prozess aufzuhalten und durch das Aufstauen die Wasserpegel wieder anzuheben.
Der Bund Naturschutz kritisiert allerdings, dass durch das Aufstauen der Charakter der bayerischen Gebirgsflüsse völlig verändert werde und so heimische Arten ihren Lebensraum verlören.
Flüsse: Renaturierung, wo es möglich ist
Den Flüssen wieder mehr Raum geben, die Auen wieder bewässern, besonders in den Oberläufen, wo es noch möglich ist – das empfiehlt Gewässerökologe Manfred Holzner. In den Unterläufen, wo sich die Flüsse eingegraben haben, so wie der Lech bei Gersthofen, sind höher liegende Auen längst von der natürlichen Wasserzufuhr abgeschnitten.
Solche Flüsse müssten aufgestaut werden, so Manfred Holzner und da sei es dann auch sinnvoll, regenerativen Strom CO₂‑neutral aus Wasserkraft zu gewinnen.
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