Mit dem Zustand vor der Bachauskehr hat die aktuelle Eisbachwelle nichts zu tun. Statt einer glatten grünen Wellenoberfläche bildet sich schaumiges sogenanntes "Weißwasser". Die Stadt München teilt mit (externer Link), die Surfcommunity habe gewarnt, dass es unter diesen Umständen lebensgefährlich sei, im Eisbach zu surfen. Per Allgemeinverfügung habe man deshalb das Surfen bis auf Weiteres verboten.
Es sah nach einem gemeinsamen Vorgehen aus. In einer Erklärung haben Stadt und die beiden Surfervertretungen "Interessengemeinschaft Surfen in München" (IGSM) und "Surfclub München" außerdem eine Versuchsreihe zur Wiederherstellung der Welle angekündigt. Doch der Surfclub München meldet sich kurz darauf mit einem offenem Brief: Man protestiere gegen die Allgemeinverfügung, fürchte "ein faktisches Ende des Surfens" in München.
Rebellen-Surfer kritisieren die Stadt
Der Surfclub München vertritt im Vergleich zur IGSM offenbar eher den Anarcho-Teil der Münchner Surf-Szene. Das Eisbachsurfen in München ist aus einer Subkultur heraus entstanden, die sich nicht um Verbote gekümmert hat, die illegale Einbauten in den Fluss vorgenommen und ihren Surfspot stets verteidigt hat. In einer Stadt, die sonst wenig Anarchistisches an sich hat, treffen die Surfer damit offenbar einen Nerv.
Über Jahre hatten sich Stadt und Rebellen angenähert, München das Surfen sogar zum Teil des Stadtmarketings erhoben. Nun bricht diese Verbindung offenbar: Der Surfclub München wirft der Verwaltung eine kafkaeske Logik vor: Einerseits sei das Surfen im Weißwasser zu gefährlich und darum verboten. Der Einbau einer Rampe, die aus Sicht des Surfclubs die Welle "grün" und damit sicher machen würde, sei aber ebenfalls verboten. Obwohl das eine "seit Jahrzehnten bewährte Lösung sei", heißt es in dem offenen Brief.
Einbau offenbar notwendig für stabile Welle
Zumindest offiziell weiß die Stadt erst seit kurzem, dass tatsächlich regelmäßig ein Einbau nötig ist, um die Eisbachwelle ganzjährig surfbar zu machen. Mario Oertel, Professor für Wasserbau hat an der Helmut-Schmidt-Universität in Hamburg im Auftrag der Stadt die Eisbachwelle nachgebaut. Im Maßstab eins zu fünf konnte er zeigen, welche Auswirkungen kleine und größere Eingriffe in den Eisbachverlauf haben.
Ohne zusätzliche Einbauten hält Oertel den Eisbach nicht für dauerhaft surfbar. Die Geometrie, so wie sie eingebaut ist, habe lediglich das Potenzial, "einen, vielleicht zwei Monate im Jahr eine surfbare Welle zu bilden".
SZ-Recherche: Welle wurde manipuliert
Eine Analyse der Süddeutschen Zeitung (externer Link, möglicherweise Bezahl-Inhalt), bei der auch alte Fotos der Welle ausgewertet wurden, hat außerdem ergeben, dass in der Vergangenheit immer wieder von Unbekannten Bretter in den Eisbach gehängt wurden, um die Welle zu optimieren. Das Problem: Wird die Welle offiziell optimiert, könnte sich daraus eine Haftung ergeben.
Tödlicher Unfall veränderte alles
Der vom Surfclub im offenen Brief beschriebene Vorschlag ist rechtlich für die Verwaltung also wohl kaum umsetzbar. Zumal es im April des vergangenen Jahres zu einem tödlichen Unfall gekommen ist, der allen Beteiligten vor Augen geführt hat, wie gefährlich das Surfen im Eisbach sein kann. Spätestens seitdem halten die Stadtverwaltung und ein Teil der Surferszene den bisherigen Ansatz offenbar für zu riskant.
Es gibt keine Erkenntnisse, wonach der Tod der Surferin mit einem illegalen Einbau in Zusammenhang stehen könnte und ob zu dem Zeitpunkt überhaupt ein Einbau im Fluss war. Doch wenn ein neuer Einbau das Eisbachsurfen künftig ganzjährig sicherstellen soll, dann sollte dieser aus Sicht des Hamburger Professors Oertel nach dem Stand der Technik und wasserbaulichen Normen entsprechend geplant werden. Zumal dann womöglich die Stadt München für Unfälle haften würde.
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