Vor dem Landgericht Kempten hat der Mordprozess gegen einen 21-Jährigen begonnen: Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Mord vor. Er soll im August vergangenen Jahres mit bis zu 180 Stundenkilometern vor der Polizei geflüchtet und dann im Stadtgebiet von Kaufbeuren auf die Gegenfahrbahn geraten und frontal in ein entgegenkommendes Auto geprallt sein. Dessen 20-jähriger Fahrer wurde getötet, zwei weitere Insassen erlitten Prellungen und Schürfwunden. Der Angeklagte war nach dem Unfall zunächst geflüchtet. Im September wurde er in Polen nahe der ukrainischen Grenze festgenommen. Seither sitzt er in Untersuchungshaft.
Angeklagter spricht von seinem Drogenkonsum
Am ersten Prozesstag äußerte sich der Angeklagte ausführlich zu den Vorwürfen. Er schilderte die Unfallnacht ruhig und weitgehend emotionslos. "Mein Kopf war nur noch Matsche", sagte er. Grund sei erheblicher Alkohol- und Kokainkonsum gewesen.
Er habe über den Tag verteilt Bier und Schnaps getrunken sowie mehrere "Lines" Kokain konsumiert. Nach dem Unfall sei ihm nicht bewusst gewesen, dass andere Beteiligte schwer verletzt oder gar tödlich verletzt worden sein könnten. "Ich wollte einfach nur noch weg, weil ich wusste, dass ich sonst in den Knast komme", sagte der 21-Jährige. Zudem räumte er ein, seit mehreren Jahren ohne Autoführerschein gefahren zu sein.
Der Vorsitzende Richter konfrontierte den Angeklagten mehrfach mit dessen Vorstrafen und fragte, warum er aus früheren Verurteilungen keine Konsequenzen gezogen habe. So war der 21-Jährige bereits wegen Raubes am Landgericht Münster verurteilt worden. Auch seine Motorradfahrerlaubnis war ihm wegen Drogenkonsums entzogen worden. Der Angeklagte führte sein Verhalten auf eine seit Jahren bestehende Drogensucht zurück, die nach dem Weggang seines Vaters begonnen habe.
Staatsanwaltschaft wirft dem Autofahrer Mord vor
Die Staatsanwaltschaft sieht zwei Mord-Merkmale als erfüllt an: Zum einen sei die Tat heimtückisch gewesen, weil sich der verstorbene 20-Jährige auf die gefährliche Handlung des Verursachers nicht einstellen und darauf reagieren konnte. Zum anderen sei von Gemeingefährlichkeit auszugehen, denn der Angeklagte hätte bei seiner rasanten Fahrweise wissen müssen, dass es zu einem Unfall mit schweren Folgen kommen kann.
Die Verteidigung hat sich am ersten Verhandlungstag noch zurückgehalten. Der Tatablauf sei nicht strittig und werde von der Verteidigung auch nicht groß angezweifelt, sagte Anwalt Daniel Nißle. Er sehe die Mord-Merkmale aber nicht erfüllt, was er im Verlauf des Prozesses noch darlegen möchte.
Großes Interesse am Mordprozess
Zahlreiche Zuschauer verfolgten den ersten Prozesstag, darunter auffällig viele junge Menschen. Als sich der Angeklagte zu seinen Drogen-Eskapaden äußerte, reagierten Teile des Publikums mit ungläubigem Kopfschütteln. Als der erste Zeuge – der an diesem Abend diensthabende Polizist, Verfolger des Rasers und Ersthelfer nach dem Unfall – von den letzten Momenten des 20-jährigen Opfers berichtete, war lautes Schluchzen aus dem Zuschauer-Bereich zu vernehmen. Ein Urteil wird nach drei Verhandlungstagen für den 24. Februar 2026 erwartet.
Viele Menschen trauern in Kaufbeuren
Die Verfolgungsfahrt mit tödlichem Ausgang hatte im August vergangenen Jahres überregionale Aufmerksamkeit erregt. Der Getötete war in Kaufbeuren unter anderem durch sein Engagement beim Bayerischen Roten Kreuz und der Feuerwehr bekannt. Zu einer öffentlichen Trauerfeier im Kaufbeurer Stadtsaal kamen mehr als 350 Menschen.
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