Die Schrauben kauft der Kunde noch im Laden. Die Türbeschläge für 200 Euro hat er vorher im Internet bestellt. Für Wolfgang Suckfüll, bis zuletzt Inhaber des kultigen Münchner Eisenwarenhandels Suckfüll, ist genau diese Szene sinnbildlich für das, was seinen Familienbetrieb nach fast 94 Jahren das Überleben gekostet hat. Die Eisenwarenhandlung in der Türkenstraße musste schließen, endgültig. "Wenn man mal dieses süße Gift hat, dann bleibt's dabei", sagt Suckfüll über das Online-Shopping.
Leerstand als neue Normalität
Verwaiste Ladenflächen, geschlossene Hotels und leere Schaufenster prägen inzwischen viele Ortskerne in Bayern. In Burglengenfeld in der Oberpfalz versucht City-Manager Wolfgang Dantl seit sechs Jahren, leerstehende Geschäfte wiederzubeleben. Er vermittelt zwischen Eigentümern, möglichen Mietern und der Stadt. Doch oft scheitert es vor allem an den Eigentümern, erklärt er im BR-Doku-Format Kontrovers – Die Story: "Ich habe es probiert, hatte keinen Erfolg", sagt Dantl über einen Laden, der seit fast einem Jahr leer steht.
Besonders problematisch seien unrealistische Mietforderungen. Aber bleiben Schaufenster dauerhaft leer, drohe eine Negativspirale. Tobias Just ist Professor für Immobilienwirtschaft an der Universität Regensburg und forscht zum Innenstadtsterben. Er weiß:
"Das Schlimmste, was passieren kann, ist ein dauerhafter Leerstand. Im Extremfall ist das dieser Broken-Glas-Effekt, dass sozusagen zerbrochene Scheiben andere zerbrochene Scheiben anlocken." Professor Tobias Just, Universität Regensburg
Die Hauptstraße in Burglengenfeld zeigt ein Bild, das inzwischen immer häufiger zu sehen ist: Nagelstudio, Barber-Shop, Dönerladen oder Goldankauf ersetzen traditionelle Fachgeschäfte.
Bürgermeister Martin Antretter (SPD) macht sich deshalb keine Illusionen: Den Trend werde man nicht vollständig aufhalten können. Es gehe darum, ihn abzuschwächen und die Innenstädte als Lebensraum zu erhalten. Denn nicht nur der Handel stehe auf dem Spiel, sondern auch die Aufenthaltsqualität der Ortskerne.
Onlinehandel wächst rasant
Die Entwicklung lässt sich auch an den Zahlen ablesen. Nach Angaben des Handelsverbands Deutschland stieg der Umsatz im Onlinehandel von rund 8,4 Milliarden Euro im Jahr 2006 auf voraussichtlich 96,3 Milliarden Euro im Jahr 2026 – das ist mehr als das Zehnfache.
Professor Just erklärt Corona zum entscheidenden Wendepunkt. Während der Pandemie hätten erstmals alle Generationen den Onlinehandel ausprobiert, gleichzeitig verliere der klassische Einzelhandel mit seinem traditionellen Sortiment an Bedeutung.
Experte: Internet als "Stadt unter der Stadt"
Wie weit der Strukturwandel bereits fortgeschritten ist, zeigt Herrieden in Mittelfranken. Supermärkte und Ladenpassagen entstanden bereits in den 1990er-Jahren im Industriegebiet – vor den Toren zur Stadt. Dagegen stehen in der Innenstadt zahlreiche Geschäfte leer. Seit der Sprengung eines Sparkassen-Geldautomaten prägt zudem eine Ruine das Zentrum. Herrieden und Burglengenfeld sind keine Einzelfälle: Die Zahl der Einzelhandelsgeschäfte in Bayern sank laut Landesamt für Statistik von 74.519 im Jahr 2006 auf 58.372 im Jahr 2024 – ein Rückgang um rund 21 Prozent.
Für Tobias Just ist das kein vorübergehendes Phänomen mehr. "Das Internet ist wie so eine zweite Stadt unter die Stadt gekrochen", erklärt er gegenüber Kontrovers.
Städte suchen nach Auswegen
Herrieden versucht gegenzusteuern: Die Stadt kauft Gebäude im Zentrum und vermittelt sie an private Investoren. Doch Baustadtrat Matthias Rank (B90/ Die Grünen) spricht von einem "Marathon", keinem "Sprint". Und der könnte viele Jahre dauern.
Auch in Bad Reichenhall wird um die Zukunft des Zentrums gerungen. Mitten in der Stadt steht das ehemalige Luxushotel Axelmannstein seit Jahren leer. Der Oberbürgermeister setzt auf eine Wiederbelebung des Hotels, einen konkreten Zeitplan nennt er jedoch nicht. Professor Just warnt davor, Probleme kleinzureden. Beschwichtigen könne kurzfristig helfen, sei aber keine Strategie. Entscheidend sei eine ehrliche Analyse der Lage.
Eine Erkenntnis bleibt: Es braucht neue Ideen und genug Ressourcen, um unsere Innenstädte wiederzubeleben. Denn die Geschäfte sterben schneller, als Lösungen nachwachsen.
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