Die Gründerin der Tschernobyl-Hilfe Nordschwaben lädt Güter aus einem Kofferraum aus.
Die Gründerin der Tschernobyl-Hilfe Nordschwaben lädt Güter aus einem Kofferraum aus.
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Die Tschernobyl-Hilfe Nordschwaben unterstützt kranke Kinder in Belarus. Gegründet hat sie 1998 die inzwischen verstorbene Heidi Bentele (rechts)
Bildrechte: Peter Holthaus
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Die Tschernobyl-Hilfe Nordschwaben unterstützt kranke Kinder in Belarus. Gegründet hat sie 1998 die inzwischen verstorbene Heidi Bentele (rechts)

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Ukraine-Krieg und Belarus-Regime: Tschernobyl-Hilfe unter Druck

Ukraine-Krieg und Belarus-Regime: Tschernobyl-Hilfe unter Druck

40 Jahre nach der Reaktorkatastrophe leiden Kinder in der Region immer noch unter den Folgen. Ein Verein aus Aindling hilft in Belarus – steht aber wegen des Ukraine-Kriegs und der dortigen Regierung vor wachsenden Herausforderungen.

Über dieses Thema berichtet: Mittags in Schwaben am .

"Wenn wir am Telefon über Geldbeträge sprechen, nennen wir keine Summen", erklärt Marina Schmidberger, Vorsitzende des Vereins "Hilfe für Kinder aus Tschernobyl" im Interview mit BR24. Stattdessen würden sie Codes benutzen – aus Angst, die Behörden in Belarus könnten auf sie aufmerksam werden und Hilfsgelder abschöpfen. Hilfe zu leisten, das sei schwierig in dem Land – und der Ukraine-Krieg mache vieles noch schwieriger.

Verein unterstützt krebskranke Kinder mit Medikamenten

Seit fast 30 Jahren setzt sich der Aindlinger Verein, der auch Tschernobyl-Hilfe Nordschwaben genannt wird, für Kinder und Jugendliche in Weißrussland ein, die auch 40 Jahre nach der Reaktorkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl noch mit gesundheitlichen Folgen kämpfen. Der Verein übernimmt Patenschaften für krebskranke Kinder in der belarussischen Region Gomel an der ukrainischen Grenze und unterstützt ein örtliches Partnerkrankenhaus mit Geld und Medikamenten.

Belarus war damals laut der Heinrich-Böll-Stiftung [externer Link] von der Reaktorkatastrophe am stärksten betroffen: Demnach trug der Wind 70 Prozent des radioaktiven Niederschlags dorthin, fast ein Viertel des Landes sei damals verseucht worden. "Die Region Gomel liegt nur 70 Kilometer von dem Tschernobyl-Reaktor entfernt", erklärt Schmidberger, "und die Wolke mit schwarzem, radioaktivem Regen hat sich in diese Richtung bewegt."

Schmidberger kämpft gegen das Vergessen

Belarussische Staatsmedien verbreiten laut der Heinrich-Böll-Stiftung in den letzten Jahren vermehrt die Erzählung des Regimes von Alexander Lukaschenko, wonach die Katastrophe inzwischen überwunden worden sei. Doch Schmidberger hält dagegen: Auch 40 Jahre nach der Katastrophe würden in der kinderhämatologischen Station des Krankenhauses in Gomel noch vermehrt krebskranke Kinder behandelt.

"Von unseren Kontakten nach Weißrussland wissen wir, wie viele Kinder krank sind. Wir erleben jedes Jahr, dass ein Kind stirbt. Das kann kein Zufall sein", teilt sie ihren Eindruck. Selbst wenn der Staat behaupte, die Erkrankungen hätten nichts mehr mit Tschernobyl zu tun: "Der gesunde Menschenverstand sagt etwas anderes", so Schmidbergers Einschätzung. Dass man nicht mehr darüber spreche, heiße nicht, dass die Folgen weg sind.

Geheime Treffen und extra SIM-Karten

Die ersten Jahre nach der Reaktorkatastrophe seien Kinder vor allem an Schilddrüsenkrebs erkrankt, sagt Schmidberger. Inzwischen ist es laut der Vereinsvorsitzenden vor allem Leukämie, an der Kinder in Gomel sterben. Bis zu 50 Kinder mit Leukämie und anderen Bluterkrankungen würden dort derzeit auf der kinderhämatologischen Station behandelt.

Doch die staatliche Haltung zur Tschernobyl-Katastrophe habe Folgen für die Arbeit des Vereins: Kontaktpersonen müssten vor Ort sehr vorsichtig sein – verwendeten für Gespräche mit dem Verein extra SIM-Karten und träfen sich heimlich. Kranke Kinder dürften nicht mehr nach Deutschland geholt werden, dabei sei das das Wichtigste an ihrer Arbeit gewesen, so Schmidberger.

Chaos an der Grenze: Folgen des Ukraine-Kriegs

Die Folgen des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine erschweren die Arbeit des Vereins laut Schmidberger zusätzlich. Betroffen seien vor allem Hilfstransporte: "An der polnischen Grenze herrscht Chaos. Die Schlangen sind lang, die Kontrollen strenger geworden."

Wirtschaftliche Kontakte seien durch den Krieg zurückgefahren worden, Speditionsfirmen würden nicht mehr fahren: "Früher kamen LKW beladen aus Belarus nach Deutschland und wir haben nur den Rückweg bezahlt. Jetzt müssen wir einen LKW mieten und die gesamten Kosten tragen." Angesichts von Preisen um 6.000 Euro sei das für den Verein aber fast unmöglich.

Betroffene erinnern sich

In Belarus sei auch der Kontakt zu den Menschen schwieriger geworden: Früher habe es etwa noch einen Austausch von Musikgruppen zwischen Thierhaupten und Gomel gegeben. Der könne inzwischen nicht mehr stattfinden, bedauert Schmidberger.

Für ihren Festakt hat die Hilfsorganisation es dennoch geschafft, Gäste aus Belarus nach Aindling zu holen – zum ersten Mal seit Langem. "Sie werden ihre Erinnerungen teilen mit uns, wie es ihnen damals ergangen ist. Da sind Menschen dabei, die selbst Krebs hatten als Kinder, gesund geworden sind und jetzt selbst schon Eltern sind", erzählt Schmidberger – ein weiteres Puzzleteil, damit auch 40 Jahre nach der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl die Folgen nicht in Vergessenheit geraten.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.