Alleinerziehend sein bedeutet 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag für alles alleine verantwortlich sein: Erziehung, Haushalt, Kita, Schule, Arzt-Besuche. Das und noch viel mehr müssen alleinerziehende Mütter und Väter schultern.
Wenn Ex-Partner oder -Partnerinnen keinen Unterhalt für gemeinsame Kinder zahlen können oder wollen, springt der Staat ein. Doch künftig soll nach den Plänen von Bundesfamilienministerin Karin Prien (CDU) der Anspruch auf Unterhaltsvorschuss auf Kinder bis einschließlich des 15. Lebensjahres begrenzt werden. Bislang bekommen Betroffene die Leistung bis zum 18. Geburtstag des Kindes gezahlt.
Bessere Vollstreckungsmechanismen statt Leistungskürzungen
Die Kritik ist groß: Vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter Landesverband Bayern (VAMV) heißt es: "Die Verantwortung für die steigenden Kosten liegt nicht bei den Familien, sondern darin, dass Unterhaltsansprüche häufig nicht erfolgreich durchgesetzt werden." Die Landesvorsitzende Doreen Borchert fordert deshalb bessere Rückhol- und Vollstreckungsmechanismen statt Leistungskürzungen. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) verteidigte inzwischen die Sparpläne, zeigte sich aber auch gesprächsbereit.
BR24 hat drei alleinerziehende Frauen gefragt, was die Pläne für sie bedeuten würden:
Ines Schink (42): "Wie ein Tritt in den Hintern"
Der Vater von Ines Schinks Sohn lebt inzwischen im Ausland und zahlt nichts für den 15-Jährigen. Deshalb bekommt die 42-Jährige monatlich 394 Euro Unterhaltsvorschuss. Sie sei auf dieses Geld angewiesen, erzählt die Krankenschwester aus München. Zum Beispiel für den Fußballverein, Kleidung oder wie zuletzt die Klassenfahrt.
Ihr Sohn wisse, dass "die Mama dafür sparen musste". Die Familie wohne in einer kleinen Zwei-Zimmer-Wohnung. "Ich habe kein eigenes Schlafzimmer." Sollten die Pläne umgesetzt werden, würde das heißen, dass ihr Sohn auf Sport oder Schulaktivitäten verzichten müsse. "Ich wüsste nicht, wo ich noch Abstriche machen soll." Und noch mehr arbeiten – sie arbeitet Teilzeit im Schichtdienst - könne sie nicht. "Es bleibt ja alles an mir kleben."
Sie habe keine Familie mehr und sei für ihren Sohn Mutter, Vater, Oma, Opa, Seelsorger, Lehrer… Dass nun ausgerechnet an Alleinerziehenden und deren Kindern gespart werden solle, enttäusche sie. "Ich finde, da fehlt schon die Wertschätzung. Und wenn man auch noch die wenigen Mittel, die man hat, gestrichen bekommt, dann ist es für mich, wie ein Tritt in den Hintern."
Daniela* (53): "Das widerspricht meinem Verständnis von Gerechtigkeit.“
Daniela* hat erwachsene Kinder und eine 16 Jahre alte Tochter. Ihr Ex-Partner zeigte sich "uneinsichtig" als sie nach der Trennung Unterhalt forderte. Gezahlt hat er nicht. "Ich bin sehr abhängig davon, dass der Unterhaltsvorschuss funktioniert", erzählt die 53-Jährige. Den Plan der Ministerin kann sie deshalb nicht nachvollziehen. "Gerade in dem Alter werden die Ausgaben ja eher mehr."
Und sie erinnert sich: "Wenn der Unterhaltsvorschuss nicht gewesen wäre, hätte ich einem meiner Kinder die Berufsfachschule nicht ermöglichen können." Inzwischen bekommt sie nur noch für ihre Tochter Unterhaltsvorschuss (394 Euro) gezahlt. "In München sind das anteilig gerade mal die Kosten für ein Zimmer bei der Miete."
Daniela war früher selbständig, inzwischen ist sie angestellt. "Wir fahren praktisch nie in den Urlaub. Ich versuche so, schöne Momente zu schaffen." Noch mehr sparen ginge nur noch, wenn sie den Familienhund abschaffen würde. "Wenn der Staat nicht einspringt, wenn die Väter nicht zahlen wollen, wer dann?", fragt sie. "Das wäre bitter und widerspricht meinem Verständnis von Gerechtigkeit."
Lisa* (29): "Nicht einfach, sich alleine durchzuschlagen"
Lisa ist Mutter von zwei Buben (5 und 7). Im Moment bekommt die 29-Jährige Transferleistungen sowie 227 Euro und 299 Euro Unterhaltsvorschuss für ihre beiden Kinder. Ihr Partner sei gewalttätig gewesen, für kurze Zeit wohnte sie mit ihren Kindern deshalb im Frauenhaus.
Inzwischen lebt der Vater der Kinder nicht mehr in Deutschland. "Er wechselt immer wieder die Handynummer, ist nicht greifbar." Doch dieses dunkle Kapitel in ihrem Leben möchte die Frau aus München hinter sich lassen. Ihr Plan: Sie will ihr Studium beenden und dann arbeiten – als Übersetzerin, im Verlag oder in der Verwaltung. "Ich möchte ja arbeiten, aber es läuft nicht immer alles rund im Leben."
Noch wäre sie von den geplanten Kürzungen nicht betroffen, weil ihre Kinder noch klein sind. Nachvollziehen kann sie die Pläne der Ministerin trotzdem nicht. "Es ist sowieso nicht einfach, sich alleine durchzuschlagen."
*Namen von der Redaktion geändert
💡Nach Angaben des Statistischen Landesamtes gibt es in Bayern 396.000 Alleinerziehende (externer Link), davon 71.000 Männer und 325.000 Frauen. Alleinerziehende und deren Kinder sind deutlich stärker von Armut gefährdet als die Durchschnittsbevölkerung (12,4 Prozent): Hier liegt die Armutsgefährdungsquote bei 24,0 Prozent.
Dieser Artikel ist erstmals am 18.07.2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.
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