Routiniert lenkt Lena Barofke das Schiff aus dem Bootshaus, steuert es über glasklares Wasser, vorbei an wolkenverhangenen Felswänden zum Steg. Hier, am Nordufer des Königssees, beginnt die Rundfahrt für ihre Gäste. Der Hochsommer ist vorbei, das Wetter lockt nicht mehr die großen Touristenmassen an. Aber immerhin: Rund 70 Gäste begrüßt Lena an Bord. Viel mehr passen nicht auf das Boot.
An Bord sind immer zwei Kapitäne. Sie teilen sich die Aufgaben: Boot steuern einerseits, Reiseführer sein andererseits. Letzteres übernimmt Lena zuerst. Das fiel ihr nicht leicht am Anfang: "Man wird so angestarrt, jeder erwartet was von einem. Man hat vielleicht so ein bisschen Sorge – verplappere ich mich? Erzähle ich vielleicht was Falsches?" Nach knapp zehn Jahren als Kapitänin auf dem Königssee ist aber auch das Routine. Souverän versorgt sie ihre Gäste mit Zahlen und historischen Fakten über den Königssee.
Kulturschock in Oberbayern
Aufgewachsen ist Lena in der Nähe von Düsseldorf. Nach dem Abitur will sie eine Ausbildung zur Schreinerin machen und bewirbt sich an der renommierten Berufsfachschule für Holzschnitzerei und Schreinerei in Berchtesgaden. Sie wird genommen und kommt nach Bayern – zum ersten Mal in ihrem Leben. "Im ersten Moment war das ein Kulturschock", erinnert sie sich. "Und als Zweites habe ich mich gefragt: Wie willst du die nächsten drei Jahre deiner Ausbildungszeit überhaupt jemanden verstehen?"
Schwierig – dieses Bayerisch. Aber mit der Zeit gewöhnt sie sich dran. Auch an die bayerische Lebensweise und die lokalen Bräuche. Ihr gefällt es in Berchtesgaden. Nach der Ausbildung will sie bleiben und macht sich auf Jobsuche. Doch die gestaltet sich schwierig. "Hier in Oberbayern gibt’s halt sehr viele Kleinbetriebe. Und die sagen – das war zumindest meine Erfahrung: 'Bevor ich mir ’ne Frau einstelle, kauf ich mir lieber noch eine Maschine.‘" Eine Frau könnte schwanger werden und dann ausfallen, kann nicht so schwer heben wie ein Mann – so wurde argumentiert.
Zwischen Schreinerei und Schifffahrt
Zu diesem Zeitpunkt sucht die Königsseeschifffahrt nach Saisonkräften. Lena heuert als Stegwartin an und hofft, so einen Fuß in die Tür zu bekommen. Denn in der betriebseigenen Werft fallen auch Schreinerarbeiten an. Der Plan geht auf: Nach nur wenigen Wochen darf sie den Bootsschein machen, als zweite Frau am Königssee.
Jetzt ist sie festangestellt, fährt im Sommer Boote und arbeitet im Winter als Schreinerin in der Werft. Für Lena der Traumjob: "Ich könnte mir nichts Schöneres vorstellen. Andere Leute sitzen im Büro und ich darf da arbeiten, wo andere Urlaub machen."
Kapitänin von Kollegen akzeptiert
Am anderen Ende des Königssees übernimmt Lena das Steuer. Früher wurden die Gäste über den See gerudert – harte körperliche Arbeit, die nur von Männern ausgeübt wurde. Heute sind alle Boote motorisiert. Kein Grund also, Frauen von der Schifffahrt auszuschließen. "Ein Boot lenken, das kann eigentlich jeder. Das ist nicht schwerer als Autofahren und das können Frauen ja auch", bekräftigt Lena. So sehen das auch ihre Kollegen. Die haben Lena vollkommen akzeptiert. Und der Großteil der Fahrgäste tut das auch.
"Andererseits gibt es auch Gäste – man muss leider sagen, in meinem Fall vermehrt natürlich Männer –, die das manchmal kritisch sehen. Wenn dann der Wind geht und ich nicht ganz perfekt an den Steg anlege, kommt gerne mal der blöde Kommentar von der Seite: 'Das war klar, das kann eine Frau wieder nicht.'"
Beirren lässt sich Lena von solchen Bemerkungen nicht. Sie lenkt das Boot gekonnt über das heute glatte, türkis leuchtende Wasser. Wieder am Nordufer angekommen, endet für die Gäste der Ausflug über den Königssee. Für Lena kann das ruhig noch eine Weile so weitergehen: "Boot fahren, den Gästen weiterhin meine Wahlheimat zeigen. Ich möchte hier nicht mehr weg. Ich bin jetzt zehn Jahre hier und ich bleib auch hier."
Zum Video: Kapitänin auf dem Königssee
Kapitänin auf dem Königssee
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