Am frühen Morgen des 5. Oktober 1989 rollt ein Sonderzug aus Prag in den Bahnhof von Hof in Bayern. Hunderte Menschen aus der DDR erreichen die Bundesrepublik. Einer von ihnen ist der 20-jährige Thomas Nolte. Ein US-Journalist filmt zufällig (externer Link), wie er mit Rucksack, Isomatte und breitem Lächeln aus dem Zug steigt. Es ist ein persönlicher Glücksmoment und zugleich eine Etappe im Zusammenbruch der DDR.
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Ungarn öffnet den Eisernen Vorhang
Noch Anfang 1989 behauptet SED-Chef Erich Honecker, die Mauer werde auch in 50 oder 100 Jahren noch bestehen (externer Link). Doch schon im Frühjahr beginnt Ungarn, damals Teil des Ostblocks, die Grenzanlagen zu Österreich abzubauen. Beim Paneuropäischen Picknick am 19. August nutzen Hunderte DDR-Bürger eine kurzzeitige Grenzöffnung zur Flucht.
Eine Woche vor dem Picknick versucht auch Thomas Nolte, gemeinsam mit seinem Bruder, über Ungarn zu fliehen. Doch er wird erwischt. Ungarische Polizisten stoppten die beiden, sie werden verhört. Für Nolte die Erinnerung an das dunkelste Kapitel seines Lebens. Er hat Angst, erneut verhaftet zu werden.
Schon einmal, 1987, war er als 18-Jähriger als politischer Gefangener in Erfurt und Chemnitz inhaftiert worden. Auch nach der Entlassung verfolgt ihn die Staatssicherheit. Er beschließt: "Das geht hier nicht so weiter. Das willst du nicht mehr." Seine ganze Geschichte erzählt BR-Journalistin Marie Müller, seiner Tochter, im Podcast "Die Entscheidung: Gefangen in der DDR".
Massenflucht und Proteste setzen die DDR unter Druck
Nach der Festnahme in Ungarn werden Thomas Nolte und sein Bruder in die DDR zurückgeschickt. Auch hier rumort es. Ab September 1989 gehen nach den Friedensgebeten in Leipzig immer mehr Menschen auf die Straße. Sie fordern Reisefreiheit, politische Reformen und freie Wahlen. Die SED-Führung verliert den Rückhalt der Sowjetunion, deren Staatschef Michail Gorbatschow auf Reformen setzt.
Genschers Rede und die Sonderzüge aus Prag
Am 30. September 1989 kommt es dann zu einem der bewegendsten innerdeutschen Momente: Der Außenminister der Bundesrepublik, Hans-Dietrich Genscher, verkündet auf dem Balkon der Prager Botschaft (externer Link): "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise..." Der Rest des Satzes geht im Jubel der tausenden DDR-Bürger, die wochenlang auf dem Gelände der Botschaft ausgeharrt hatten, unter.
Diese Rede sieht auch Thomas Nolte im West-Fernsehen. Und er schöpft Hoffnung: Vielleicht gibt es doch eine Möglichkeit, in den Westen zu kommen. In den frühen Morgenstunden des 3. Oktober 1989 fährt er los. Mit seinem Bruder und einem Freund Richtung Prag. Verabschieden kann er sich nicht. Er will Familie und Freundin schützen. "Da habe ich geheult. Also war ich wirklich fertig, dass ich sie so verlassen musste."
Gleichzeitig können die drei ihr Glück nicht fassen, als sie in Prag ankommen. Sie werden zu Sonderzügen gebracht, die sie in die Bundesrepublik bringen sollen. Auf Drängen der SED-Führung fahren die Züge durch die DDR. Das Regime will die Flucht als staatlich geregelte Ausreise darstellen. Doch die Bevölkerung ist kaum noch zu halten. "Da standen ja Leute mit Transparenten auf den Brücken", erzählt Nolte. In der Morgendämmerung habe er Botschaften wie "Gute Reise" erkennen können. "Das war schon ergreifend", erinnert er sich.
Vom Mauerfall zur Deutschen Einheit
Im Jahr 1989 verlassen über 300.000 Menschen die DDR in Richtung Bundesrepublik. Die Ausreisewelle und die wachsenden Proteste bringen die DDR-Führung weiter in Bedrängnis. Einen Wendepunkt markiert der 9. Oktober (externer Link), an dem in Leipzig rund 70.000 Menschen friedlich demonstrieren. In den Wochen danach weiten sich die Montagsdemonstrationen aus. Bürgerbewegungen wie das "Neue Forum" oder "Demokratie Jetzt" fordern einen politischen Neuanfang.
Als die Mauer am 9. November 1989 infolge des improvisierten Presseauftritts von Günter Schabowski fällt, wird eine geopolitische Kettenreaktion in Gang gesetzt. Der Ostblock zerfällt. Thomas Nolte erlebt den Moment in einer Flüchtlingsunterkunft in Hessen. Für ihn verändert der Mauerfall alles: "Der Grund, wegzugehen, hatte sich ja nun erledigt." Zu Weihnachten besucht er die alte Heimat und kehrt im Sommer 1990 endgültig zurück. Wenige Monate später feiert er dann auf dem ehemaligen Staatsgebiet der DDR am 3. Oktober 1990, ein Jahr nach seiner Flucht, wie aus zwei Teilen wieder ein Land wird.
Mehr zur Geschichte von Thomas Nolte gibt’s in der neuen Staffel "Die Entscheidung: Gefangen in der DDR" bei ARD Sounds.
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