Eine Gruppe junger Frauen in Tracht stoßen im Festzelt an
Eine Gruppe junger Frauen in Tracht stoßen im Festzelt an
Bild
Oktoberfest - Wie sicher ist die Wiesn für Frauen?
Bildrechte: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann/SVEN SIMON
Schlagwörter
Bildrechte: picture alliance / SvenSimon | Frank Hoermann/SVEN SIMON
Audiobeitrag

Oktoberfest - Wie sicher ist die Wiesn für Frauen?

Audiobeitrag
>

Ärztin warnt vor mehr Vergewaltigungen auf Wiesn – Was ist dran?

Ärztin warnt vor mehr Vergewaltigungen auf Wiesn – Was ist dran?

Ein vielfach geteiltes Social-Media-Video warnt vor sexueller Gewalt auf dem und rund ums Oktoberfest. Die Rede ist von extrem vielen Vergewaltigungen derzeit. Stimmt das? Was sagen Polizei, Frauenärzte und die Beraterinnen des Safe Space?

Über dieses Thema berichtet: BR24 Radio am .

Direkt hinter dem Schottenhamelzelt am Fuß der Bavaria findet sich der wichtigste Anlaufpunkt für Frauen, die auf der Wiesn belästigt wurden oder sogar Opfer einer Straftat geworden sind: der Safe Space. Kristina Gottlöber, eine der Leiterinnen des Safe Space, empfiehlt Frauen in Not, hier Beistand zu suchen. "Wir helfen mit ganz unterschiedlichen Mitteln, stabilisieren, mal bisschen runterkommen, über das Erfahrene sprechen. Viele Frauen haben das Gefühl, sie sind selbst schuld an dem Übergriff, tragen eine Mitverantwortung. Das ist absolut nicht so. Schuld hat immer der Täter."

Täter scheint es heuer besonders viele zu geben, wenn man einem Social-Media-Video von Luisa Werner glaubt. Eigentlich ist die Ärztin als Expertin für Ernährung bekannt und hat allein bei Instagram fast 600.000 Follower. Dementsprechend viele Menschen dürften auch folgende Aussagen in einem Wiesn-Video der Ärztin (externer Link) wahrgenommen haben. Darin sagt Luisa Werner: "Ich habe mich aktuell mit vielen Kolleginnen unterhalten, die unter anderem in der Frauenheilkunde hier in München arbeiten. Und der Arbeitsalltag hat sich seit der Wiesn komplett verändert. Weil extrem viele Vergewaltigungen an der Tagesordnung stehen, sowohl in den Nachtdiensten als auch am Tag, als auch am Wochenende, weil das immer häufiger vorkommt und gerade einfach in der Wiesnzeit extrem zunimmt. Täglich mehrmals, sehr, sehr, sehr häufig."

In Kliniken nachgefragt

Jede Vergewaltigung ist eine zu viel. Aber ist die Zahl der gemeldeten Vergewaltigungen seit Wiesn-Beginn tatsächlich gestiegen? Recherchen des Bayerischen Rundfunks bieten dafür keine Grundlage. Eine Umfrage bei vier großen Kliniken in der Innenstadt ergab keine Hinweise auf einen außerordentlichen Anstieg der Hilfegesuche von Frauen.

In einer Antwort der LMU, die mit dem Innenstadt Campus die größte Klinik in der Nähe der Wiesn betreibt, schreibt eine Sprecherin: "Die Zahl der Spurensicherungen bei Verdacht auf Sexualdelikt, die dort vorgenommen werden, ist über das Jahr recht gleichmäßig verteilt. Es ist kein Peak um die Wiesn-Zeit zu sehen."

Spurensicherung ist ein besonderes Angebot der Innenstadtkliniken, bei dem Frauen in einem geschützten Bereich der Klinik untersucht werden, um Beweise für die Gewaltanwendung sicherzustellen. Diese Beweise werden dann zwei Jahre aufbewahrt, um den betroffenen Frauen Zeit zu geben, in Ruhe über eine Anzeige nachzudenken.

Die Zahlen der Polizei

Auch der Münchner Polizei liegen keine Hinweise darauf vor, dass die Wiesn heuer für Frauen besonders unsicher sei. In den ersten acht Tagen seien 32 Sexualstraftaten gemeldet worden, ähnlich wie in den Vorjahren, sagt der Sprecher der Wiesnpolizeiwache, Sven Müller: "Die Sexualstraftaten inhaltlich waren überwiegend sexuelle Belästigung, das ist auch so ein typisches Wiesndelikt. Dann haben wir auch ein paar Fälle von Upskirting, also Bildaufnahmen unter die Röcke. Das sind so im Wesentlichen die Sexualstraftaten, die wir hier auf der Wiesn haben."

Soweit die Zahlen. Die Dunkelziffer, also die Zahl der nicht gemeldeten Delikte, dürfte höher liegen. Kristina Gottlöber vom Safe Space weiß, dass viele Frauen aus Scham nicht zur Polizei gehen.

Wer zum Safe Space kommt, wird nicht gezwungen, auch offiziell Anzeige zu erstatten. Daher entsprechen die Fallzahlen vom Safe Space nicht denen der offiziellen Kriminalstatistik. Kristina Gottlöber berichtet: "Wir sind aktuell bei 30 Fällen von Frauen, die wegen sexueller Gewalt zu uns gekommen sind. Im Vorjahr waren es 18 im selben Zeitraum. Wir gehen allerdings nicht davon aus, dass auf der Wiesn tatsächlich mehr passiert, sondern dass einfach mehr Frauen und Mädchen den Weg zu uns finden, sich Hilfe holen, begleitet werden, Unterstützung erhalten."

Was passiert im Stadtgebiet während der Wiesnzeit?

Das Social-Media-Video mit der alarmierenden Andeutung von außerordentlich vielen Vergewaltigungen während der Wiesn scheint also aus der Luft gegriffen zu sein. Auch der Verband der Münchner Frauenärzte wundert sich gegenüber dem BR: "Auch nach Rücksprache mit KollegInnen aus München und dem Umland können wir den behaupteten enormen Anstieg an Sexualdelikten in Zusammenhang mit der Wiesn dieses Jahr nicht nachvollziehen."

Luisa Werner, die Autorin des Videos, erklärt gegenüber dem BR, dass sie in ihrem Video Frauen nur daran erinnern wolle, auf dem Heimweg vorsichtig zu sein. Panikmache sei nicht ihre Absicht.

Grundsätzlich sei die Wiesn nicht immer ein ganz sicherer Ort für Mädchen und Frauen, sagt Kristina Gottlöber vom Safe Space. Sie empfiehlt unter anderem, sich vorab Gedanken zu machen, wie man gut nach Hause kommt und was zu tun ist, wenn das Handy verloren geht: "Man kann sich ja zum Beispiel die Telefonnummer von der besten Freundin auf den Unterarm schreiben. Aber tatsächlich ist mein wichtigster Tipp: Geht auf die Wiesn, habt Spaß. Ich finde, das ist ein großartiges Fest und ich finde es ganz wichtig, dass es auch ein toller Ort für Mädchen und Frauen ist."

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht's zur Anmeldung!