Mit elf Wochen sind die Ferkel von Franz Kratzer aus Meitingen bei Augsburg bereit für den Umzug in die Mast. Rund 1.300 Tiere verlassen pro Woche seinen Hof. Das System: Die Ferkel werden zwar hier geboren. Das Mästen bis zum Schlachten übernimmt jedoch ein anderer Betrieb. Mit neun verschiedenen Mastbetrieben arbeitet Kratzer aktuell zusammen. Noch.
Mit den neuen Regeln der Initiative Tierwohl (ITW) könnte er die Hälfte seiner Mäster verlieren – nämlich die, die schon bei ITW mitmachen. Kratzer macht nicht mit. Ab 2027 geht das nicht mehr: Dann soll die gesamte Lieferkette – vom Ferkelerzeuger bis zur Schlachtung – durchgängig Tierwohl-Standards erfüllen, wenn Fleisch im Supermarkt das ITW-Siegel tragen soll. Für Kratzer keine leichte Entscheidung. Die Beziehungen sind oft über Jahre gewachsen: "Das ist schwierig, auch für mich persönlich."
Was ist die Initiative Tierwohl?
ITW ist ein Programm, das der Handel und die Fleischwirtschaft vor 11 Jahren gegründet haben. Die Idee: Landwirte geben ihren Tieren zum Beispiel 10 Prozent mehr Platz als gesetzlich vorgeschrieben. Dafür bekommen sie mehr Geld. Mindestanforderung ist die Haltungsstufe 2. Die bunten Labels sind bekannt aus dem Supermarkt: Zusammen mit der vierstufigen Haltungsform kennzeichnen sie Frischfleisch.
Neu ist ab 2027: Die ganze Lieferkette muss mitmachen. Also auch der Ferkelerzeuger – wenn er an die ITW-Mäster liefern will.
Ferkelerzeuger kritisiert wirtschaftliche Unklarheit
Für Franz Kratzer hieße eine Umstellung konkret: weniger Tiere im Stall. "Wenn ich ITW mache, komm ich nicht drumrum, dass es 12 Prozent weniger werden", sagt er. Vor allem im Wartestall für seine rund 2.000 Muttersauen müsste er abbauen. Damit würden weniger Ferkel geboren – und die Kosten pro Tier steigen. Außerdem müsste er kleinere Umbauten am Stall vornehmen.
Zu welchem Preis? Kratzer kritisiert, dass der Zuschlag, also der Preis pro verkauftem Ferkel mit mehr Tierwohl nicht feststehe: "Von was soll ich ausgehen, wenn es keine konkreten Zahlen gibt, was ich dann bekomme?"
ITW: "Schritt stand seit 2021 fest"
Die Initiative Tierwohl (ITW) verteidigt ihren Kurs. Geschäftsführer Robert Römer argumentiert, ein Tierwohlprogramm sei nur dann glaubwürdig, wenn die Tiere von der Geburt bis zur Schlachtung unter Tierwohlbedingungen gehalten werden. Außerdem sagt Römer: "Wir haben 2021 mit allen Vertretern der gesamten Wertschöpfungskette – von der Landwirtschaft über die Schlachtbetriebe bis hin zum Lebensmitteleinzelhandel – Gespräche geführt und entschieden, dass wir diesen Weg gehen wollen."
ITW-Mäster fürchten: Kommen Ferkel bald aus Norddeutschland?
Georg Siegl aus Hohenthann bei Landshut hat bereits vor 5 Jahren auf ITW umgestellt. Seine 5000 Mastschweine hält er in Haltungsstufe 2. Bisher bekommt er Nicht-ITW-Ferkel aus der Umgebung. Stellen seine Ferkelerzeuger nicht um, bleiben ihm nur zwei Wege: "Wir fallen zurück auf Haltungsstufe 1, gesetzlicher Standard. Das will ich nicht." Oder er muss Ferkel von großen Betrieben aus Nord- oder Ostdeutschland beziehen.
Landwirte fordern Fristverlängerung – ITW zeigt sich offen
Ferkelerzeuger Franz Kratzer fordert, die Frist für die ITW-Standards mindestens bis 2029 zu verlängern. Dann muss er seinen Betrieb ohnehin wegen neuer gesetzlicher Vorschriften umbauen und den Muttersauen mehr Platz geben. Den Plan für den Umbau habe er bereits eingereicht.
Bei der ITW zeigt sich Geschäftsführer Robert Römer offen für individuelle Lösungen. Betriebe mit besonderen Herausforderungen wolle man "mitnehmen", betont Geschäftsführer Römer – entscheidend sei, dass es eine Perspektive gebe. Ob die Frist grundsätzlich verlängert wird, ist unklar.
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