Marcel Reif am "Platz der Opfer des Nationalsozialismus" in München.
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"Zweitzeuge": Marcel Reif erinnert an jüdischen Vater

"Zweitzeuge": Marcel Reif erinnert an jüdischen Vater

Der Verein "Zweitzeugen" hat sich zum Ziel gesetzt, die Geschichten von Holocaust-Überlebenden weiter zu tragen. Mit dabei ist auch der Sportjournalist Marcel Reif. Er berichtet über das Schicksal seines jüdischen Vaters Leon Reif.

Über dieses Thema berichtet: Abendschau - Der Süden am .

Marcel Reif steht am Denkmal für die Opfer der NS-Gewaltherrschaft. Es ist eiskalt und trüb an diesem Vormittag in München. Über der massiven, sechs Meter hohen Gedenksäule lodert die sogenannte "ewige Flamme".

Mahnmale wie dieses gibt es viele – damit das, was im Nationalsozialismus geschehen ist, nicht vergessen wird. Doch wer erinnert an die Schicksale Einzelner, wenn die letzten Zeitzeugen verstorben sind?

Leon Reif entkam nur knapp dem Tod im Konzentrationslager

Marcel Reif ist zwar kein "Zeitzeuge", dafür aber seit neuestem "Zweitzeuge". Der renommierte Sportjournalist will die Geschichte seines jüdischen Vaters Leon Reif weitertragen.

Dieser sei nur knapp dem Tod entkommen, weil er von Berthold Beitz, dem späteren Krupp-Manager, aus einem Deportationszug gerettet worden sei, erzählt Reif bewegt. "Er hat nie mit mir und meiner Schwester über diese Zeit gesprochen und ich habe davon erst sehr viel später von meiner Mutter erfahren. Alle Einzelheiten, alle Dinge, die ich als Kind vielleicht gar nicht ertragen hätte. So rede ich mir das heute ein, warum ich nicht gefragt habe."

Jetzt, im Nachhinein, wolle er zwar nicht für seinen Vater sprechen, aber über ihn. "Über das, was ihm und anderen angetan wurde", so Reif.

"Zweitzeugen": "Setzen da an, wo die Geschichtsbücher aufhören"

Genau das ist auch die Idee hinter dem Projekt. Die "Zweitzeugen" geben die Geschichten der Zeitzeugen weiter, erzählen aber auch, wie es danach weiterging. "Wir setzen eigentlich da an, wo die Geschichtsbücher aufhören. Wir wollen wissen: Was war nach 1945 mit denjenigen, die überlebt haben?", erklärt Nina Taubenreuther, Geschäftsführerin des gemeinnützigen Vereins.

Damit sollen die Geschichten und Schicksale vor dem Vergessen bewahrt werden, auch um daraus zu lernen. "Es steht nicht die Zahl, die wir aus den Geschichtsbüchern kennen – sechs Millionen ermordete Juden und Jüdinnen – im Vordergrund, sondern ein einziges menschliches Schicksal. Und mit diesem einzigen menschlichen Schicksal kann ich mich viel mehr verbinden", weiß Taubenreuther.

"Habe begriffen, dass ich davon weitererzählen muss"

Viele Verwandte von Marcel Reif – auch sein Großvater – wurden im Holocaust ermordet. Dass der eigene Vater nur knapp dem Konzentrationslager entkommen ist, habe er erst sehr spät von seiner Mutter erfahren, als der Vater schon zehn Jahre lang tot war.

"Sie hat angefangen zu erzählen. Drei Tage hat es gedauert. Wir haben sehr viel gelacht und noch viel mehr geweint. Und ich habe all das erfahren und begriffen, warum mein Vater geschwiegen hat. Aber ich habe auch begriffen, dass ich davon weitererzählen muss", erklärt Marcel Reif. Auch deshalb habe er nicht lange überlegt und sich der Kampagne der "Zweitzeugen" angeschlossen.

Audio: Marcel Reif trägt als "Zweitzeuge" die Geschichte seines Vaters weiter

Marcel Reif und sein Vater Leon Reif.
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Marcel Reif und sein Vater Leon Reif.

Geschichte von Überlebenden nicht als abgeschlossene Vergangenheit betrachten

Am Montag wird die Geschichte der Familie Reif auf der Internetseite und dem Instagram-Kanal der "Zweitzeugen" veröffentlicht. Marcel Reif hat dafür ein Video aufgenommen. Auch andere Prominente, wie etwa Iris Berben, beteiligen sich an der Kampagne.

Das Zielpublikum für diese digitale Erinnerungsarbeit ist vor allem auch die jüngere Generation. Damit die Geschichten von Leon Reif und anderen Überlebenden nicht irgendwann als abgeschlossene Vergangenheit betrachtet werden, so der Verein. Denn wirksame Mittel gegen Antisemitismus und Diskriminierung seien Menschlichkeit, demokratische Werte und die Verantwortung des Einzelnen.

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