(Archivbild) Eine Mission geht zu Ende: Brigadegeneral Jens Arlt spricht direkt nach der Landung in Deutschland über die zurückliegenden Tage.
(Archivbild) Eine Mission geht zu Ende: Brigadegeneral Jens Arlt spricht direkt nach der Landung in Deutschland über die zurückliegenden Tage.
Bild
(Archivbild) Eine Mission geht zu Ende: Brigadegeneral Jens Arlt spricht direkt nach der Landung in Deutschland über die zurückliegenden Tage.
Bildrechte: picture alliance/dpa / Daniel Reinhardt
Schlagwörter
Bildrechte: picture alliance/dpa / Daniel Reinhardt
Audiobeitrag

(Archivbild) Eine Mission geht zu Ende: Brigadegeneral Jens Arlt spricht direkt nach der Landung in Deutschland über die zurückliegenden Tage.

Audiobeitrag
>

"Alle Sinnesorgane schreien": Fünf Jahre Kabul-Evakuierung

"Alle Sinnesorgane schreien": Fünf Jahre Kabul-Evakuierung

Vor fünf Jahren flog die Bundeswehr über 5.000 Menschen aus Kabul aus. Am dortigen Flughafen spielten sich damals dramatische Szenen ab. Befehligt wurde die Mission von General Jens Arlt. Er blickt im BR24-Exklusivinterview zurück.

Über dieses Thema berichtet: Bayern 2 Die Welt am Morgen am .

Es ist Donnerstag, der 26. August 2021, als die damalige Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) in schwarzem Blazer vor die Kameras tritt. Der Moment markiert einen entscheidenden Schlussstein der Evakuierungsoperation aus Kabul, die am 16. August 2021 begonnen hatte. "Bis zum letzten möglichen Moment" hätten die Kräfte vor Ort dafür gesorgt, so viele Menschen wie möglich außer Landes zu bringen, sagt die Ministerin. Nun aber sei der Einsatz beendet. Alle deutschen Soldaten seien ausgeflogen.

Hohes Risiko am Flughafen

Kurz zuvor hatten sich auf dem Kabuler Flughafen noch dramatische Szenen abgespielt: Denn zwei deutsche Soldaten waren unmittelbar vor dem geplanten Abflug unauffindbar. Mehrmals ließ ihr Kommandeur, Brigadegeneral Jens Arlt, in den startbereiten Transportmaschinen durchzählen. Andere Nationen drängten die Deutschen da schon zum Start.

Es war eine unübersichtliche Situation, erinnert sich Arlt im BR24-Exklusivinterview: "Wir hatten Informationen, dass möglicherweise die Start- und Landebahn angegriffen wird, was dazu geführt hätte, dass keine Maschinen mehr rauskönnen."

Kurz zuvor hatte es einen Anschlag am Flughafen gegeben. US-amerikanische Soldaten starben dabei. Die Sorge um die beiden Männer war deshalb groß. Nach einer Zeit der Ungewissheit stand jedoch fest: Die Soldaten sind wohlauf, sie befinden sich bei den US-Amerikanern. Dort waren sie mit Vorbereitungen für die Rückverlegung beschäftigt gewesen und hatten nach dem Anschlag Schutz gesucht. Für sie bestand außerdem die Möglichkeit, mit einer anderen Maschine auszufliegen. Arlt entschied sich aufgrund der Gesamtsituation für diesen Weg. Die beiden zurückzulassen, beschreibt er heute als die "schwierigste Entscheidung" seiner militärischen Laufbahn.

"Notfallstart" ohne die Kameraden

Arlt gab die Informationen zum "Notfallstart" und den fehlenden Soldaten per Textnachricht nach Berlin weiter – auf der offenen Laderampe liegend. "Für mich war das wie so eine Art Odyssee. Ich war hin- und hergerissen und hatte erst Ruhe, als ich wusste, sie sind im Luftraum", erinnert sich der General. Seine Geschichte ist dabei eine von vielen, die sich über jene Tage in Kabul erzählen lassen.

Trump ebnete den Weg für das Chaos

Als wesentlicher Auslöser für den Ansturm auf den Kabuler Flughafen im August 2021 gilt das "Doha-Abkommen": Während der ersten Präsidentschaft von Donald Trump hatten sich die USA und die Taliban in Doha auf die Modalitäten eines Truppenabzugs aus Afghanistan geeinigt. Im Mittelpunkt stand ein schnelles Ende des US-Einsatzes.

Der "Deal" aus dem Jahr 2020 sah ein konkretes Abzugsdatum aller US-Truppen vor. Im Gegenzug erklärten sich die Taliban bereit, die Amerikaner nicht mehr anzugreifen und mit der afghanischen Regierung zusammenzuarbeiten. Doch die Taliban hielten sich nur bedingt daran: Während sich die Amerikaner zurückzogen, rückten sie vor. Die afghanischen Sicherheitskräfte verloren zunehmend die Kontrolle im Land. Eine Stadt nach der anderen fiel an die Taliban.

Einsatzbefehl auf dem Kindergeburtstag

Wie schnell alles ging, überraschte unterdessen auch Jens Arlt im August 2021. Er war damals Kommandeur der Luftlandebrigade 1 und in dieser Funktion dafür zuständig, eine etwaige militärische Evakuierungsoperation im Ausland zu befehligen. Deutschland hat für derartige Einsätze jederzeit Soldaten in Bereitschaft.

Dass eine Evakuierung aus Afghanistan absehbar war, zeichnete sich zwar schon früher ab, zunächst war aber ein späterer Beginn vorgesehen. Und so erreichte der entscheidende Befehl Jens Arlt mitten auf einem Kindergeburtstag in der eigenen Familie. Den ganzen Tag über habe er telefoniert, statt mitzufeiern, erinnert er sich. Irgendwann musste er los. Erst in die Kaserne, dann zum Flughafen.

"Weint. Euer Kommandeur tut es auch."

Aus Kabul selbst sind Arlt noch Bilder von menschlichem Leid in Erinnerung. Eingebrannt aber hat sich bei ihm auch der Gestank nach Müll und Exkrementen. Der sei so stark gewesen, dass noch immer "alle Sinnesorgane schreien" würden. Eine der vielen Herausforderungen für die Soldaten war es, berechtigte Personen in den Flughafenbereich hineinzuholen. Vor den Toren drängten sich Massen an Menschen. Kinder wurden herumgereicht oder gar liegen gelassen.

Vor größere Probleme stellten die Männer und Frauen dabei die Namenslisten, die aus Deutschland eingingen. Diese wurden zum einen laufend länger, zum anderen waren die Angaben teils fehler- oder lückenhaft. Das wurde auch im späteren Untersuchungsausschuss des Bundestages deutlich.

Jens Arlt spricht in diesem Zusammenhang von einem "unerfüllbaren Auftrag". Für ihn und seine Soldatinnen und Soldaten sei es belastend gewesen, zu wissen, dass sie nicht jede berechtigte Person ausfliegen konnten. Er habe seine Frauen und Männer deshalb aufgefordert, viel über das Erlebte zu sprechen. Überliefert ist Arlts Aussage: "Wenn ihr weinen müsst, dann weint. Euer Kommandeur tut es auch".

Lehren aus dem Afghanistaneinsatz

Heute will Arlt, der jetzt im 1. Deutsch-Niederländischen Korps in Münster dient und der im Laufe seiner Dienstzeit mehrfach in Afghanistan war, im Hinblick auf die Gesamtbilanz des Einsatzes nicht von einem "Desaster" sprechen. Schließlich sei es gelungen, einer Generation einen Einblick in ein anderes Leben zu geben und den Zugang zu Bildung zu ermöglichen. Leider habe sich das Engagement nicht als nachhaltig erwiesen. Für etwaige vergleichbare Stabilisierungseinsätze brauche es deshalb einen längeren Atem, folgert Arlt.

Wiedersehen mit den Zurückgelassenen

Die beiden Soldaten, die Arlt zunächst in Kabul zurücklassen musste, sah er später bei einer Zwischenlandung außerhalb Afghanistans wieder: "Sie haben sich dann militärisch korrekt mit 'melden uns verspätet, Herr General' zurückgemeldet", schmunzelt er. In diesem Moment sei er "heilfroh" gewesen, dass alle da waren.

Das ganze Interview mit Jens Arlt hören Sie in Politik und Hintergrund am 16.8. um 08:05 Uhr im Radioprogramm von BR24 oder bereits vorab im Podcast "Politik und Hintergrund" in ARD Sounds.

Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.

"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!