Natascha Geisler ist die deutsche Stimme von Jennifer Lopez. Und sie würde das auch gerne bleiben. Seit 2000 hat die 40-jährige Münchnerin zwölf Filme des US-amerikanischen Superstars synchronisiert. Ob weitere dazu kommen, ist derzeit ungewiss. Denn Geisler ist eine von vielen Synchronsprechern, die sich weigern, die aktuellen Verträge von Netflix zu unterschreiben.
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Umstrittene KI-Klausel
Deswegen hat Geisler gerade sehr viel weniger Jobs als sonst. Doch die neue KI-Klausel in den Netflixverträgen lasse ihr keine andere Wahl: "Wenn wir vertraglich zustimmen, dass unsere natürlichen Stimmen für das Training von KI-Programmen eingesetzt werden dürfen, werden wir alle in der deutschen Synchronsprache früher oder später nicht mehr gebraucht."
Der Verband deutscher Sprecher und Sprecherinnen fürchtet ebenfalls, dass der neue Netflixvertrag die Existenzgrundlage der über 10.000 Synchronsprecher im deutschsprachigen Raum gefährdet. So schreibt der Verband: "Netflix verlangt von Synchronsprecher:innen, weitreichende Rechte an ihren Stimmaufnahmen einzuräumen – einschließlich der Nutzung für KI-Training, der digitalen Bearbeitung und Nachbildung sowie der Erzeugung synthetischer Stimmen. Eine zusätzliche Vergütung bietet Netflix dafür nicht an."
Der Verband sagt, dass Netflix und Amazon bereits Patente für Computersysteme zur Erzeugung von lippensynchronen Übersetzungen angemeldet hätten. Doch diese künstliche Intelligenz brauche eben Trainingsmaterial und das mache die KI-Klausel in den Netflix Verträgen so gefährlich.
Noch hört man den Unterschied
Auch Jochen Paletschek, Schauspieler und Synchronsprecher, hat derzeit kaum Aufträge, weil auch er sich weigert, seine Stimme für das Training von KI-Systemen zur Verfügung zu stellen. Paletscheck fordert das Publikum auf, genau hinzuhören. Noch könne man den Unterschied zwischen natürlichen Stimmen und solchen aus dem Computer erkennen. So wie etwa bei der deutschen Fassung des chinesischen Spielfilms "Black Dog - Weggefährten" (2024), dem ersten in Deutschland durch künstliche Intelligenz synchronisierten Kinofilm. Doch Jochen Paletscheck fürchtet: "Die Gefahr besteht, dass diese KI-Systeme immer besser werden, gerade dann, wenn gut gesprochene Texte für das Training verwendet werden."
Netflix verweist auf Recht und Rahmenvertrag
Netflix betont auf Anfrage des BR, dass man KI nur im Einklang mit dem geltenden Recht einsetze und dazu auch einen Rahmenvertrag mit dem Berufsverband der Sprecher und Sprecherinnen abgeschlossen habe. "So darf eine mittels KI generierte digitale Nachbildung einer Stimme nur mit ausdrücklicher und gesonderter Zustimmung der betroffenen Sprecherinnen und Sprecher erfolgen."
Doch Natascha Geisler und Jochen Paletscheck sind mit diesem Hinweis nicht zufrieden, solange Netflix auf die KI-Klausel beharrt. Eine freiwillige Option wäre ein Kompromiss, doch der ist noch nicht in Sicht.
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