Die Drohung kommt als Sprachnachricht. Sie ist kurz und klar. Eine Frau, deren Namen der BR zu ihrem Schutz nicht nennt, soll eingeschüchtert werden. "Wenn Du die Anzeige nicht zurückziehst, hat das Konsequenzen. Meine Reaktion wird fürchterlich sein", heißt es in der Audionachricht, die dem BR vorliegt. Am Ende steht eine unverhohlene Morddrohung. Auch aufgrund solcher Drohungen kann der BR nicht alle Details offenlegen – etwa den Zeitpunkt der Ereignisse oder aus welchem Land die Frau stammt.
Die ganze Recherche als Film
Neue KLAR-Folgen werden in der ARD Mediathek sowie in den YouTube-Kanälen von BR24 und NDR Doku veröffentlicht
Vom Chat zur Vollverschleierung
Als die Frau vor einigen Jahren aus dem Ausland nach Deutschland kommt, trägt sie keinen Schleier. Dann verändert sich ihr Leben durch eine Online-Chatgruppe grundlegend. Dort lernt sie andere muslimische Frauen kennen, die sie "Schwestern" nennt. "Durch die Unterhaltungen mit den Schwestern wurde ich viel religiöser."
Sie beginnt schließlich, ein Kopftuch zu tragen. Der sogenannte Hijab bedeckt Haare, Hals und oft die Schultern, lässt das Gesicht jedoch frei. Für sie bleibt es nicht dabei. Mit der Zeit tauscht sie den Hijab gegen eine noch strengere Form der Verschleierung: Den sogenannten Niqab, der bis auf die Augen das gesamte Gesicht verhüllt.
Die Ehe wird zum Martyrium
Anfangs wirkt es wie ein persönlicher Glaubensweg. Doch die Gruppe nimmt immer mehr Einfluss und übt Kontrolle aus. Die neuen Bekannten schicken ihr religiöse Bücher, versuchen, sie weiter in eine strengere Auslegung des Glaubens zu führen. Schließlich legen sie ihr nahe, einen Kämpfer der Terrororganisation Islamischer Staat in Syrien zu heiraten. Sie lehnt ab. Stattdessen wird ein Kontakt zu einem Mann in Deutschland hergestellt.
"Wir haben uns online kennengelernt und dann auch online geheiratet. Wir hatten einen mündlichen Heiratsvertrag", sagt sie. Ehen dieser Art sind nicht rechtlich bindend. Für die Frau wird diese Verbindung zum Martyrium.
Schon bei geringstem Widerspruch wird ihr Mann gewalttätig. "Er schlug mich. Er riss mich an den Haaren. Er trat mir in den Bauch, auch während meiner Schwangerschaft", berichtet sie.
Die Politikwissenschaftlerin und ehemalige Verfassungsschützerin Gülden Hennemann sieht in solchen Fällen Frauen weitgehend auf sich allein gestellt: "Die einzige Chance, aus patriarchalen Strukturen oder eben auch aus patriarchalisch-islamistischen Strukturen als Frau rauszukommen, ist, selber die Entscheidung zu treffen und den Mut aufzubringen", sagt sie.
Frau zum Scharia-Richter geschickt
Die Frau entscheidet sich genau dazu. Sie will die Ehe beenden. Doch selbst dieser Schritt wird ihr erschwert. Ihr Mann zwingt sie, einen sogenannten Scharia-Richter zu kontaktieren. Den Ort nennt der BR nicht, um die Frau zu schützen. Statt Unterstützung zu bekommen, wird ihr vom Scharia-Richter nahegelegt, sich ihrem Mann zu fügen. Erst danach geht sie zur Polizei und erstattet Anzeige.
Die Reaktion folgt prompt – in Form der Morddrohung. Ein Bekannter ihres Ehemanns macht klar, was passieren könnte, wenn sie nicht zurückrudert. Es ist der Moment, in dem deutlich wird, wie weit ihr soziales Umfeld bereit ist, zu gehen.
Längst wollen die Behörden den gewalttätigen Ehemann abschieben. Doch BR-Recherchen ergeben: Rechtliche Gründe und ein Behörden-Hin-und-Her haben das bisher verhindert.
Expertin Hennemann: Patriarchat und Radikalisierung
"Es berührt mich persönlich immer wieder, solche Fälle zu sehen und zu hören", sagt Hennemann. Besonders problematisch sei die Kombination aus patriarchalen Strukturen und religiöser Radikalisierung: "Was hier erschwerend hinzukommt, ist, dass das Strukturen sind, in denen das Patriarchat sehr stark vertreten ist – plus noch die religiöse Komponente, in ihrem Fall sogar eine sehr radikale Islamauslegung."
Diese Ideologien verbreiten sich längst nicht mehr nur im privaten Umfeld – sondern zunehmend auch über Soziale Medien. Vor allem junge Menschen werden dort erreicht. Sogenannte "TikTok-Islamisten" erreichen Zehntausende, versprechen Orientierung in einer komplexen Welt – und vermitteln gleichzeitig Denkmuster, die mit demokratischen Grundwerten kaum vereinbar sind.
Gefährliche Ideologien: Wenn Online-Prediger Rollenbilder prägen
Einer von ihnen ist laut Verfassungsschutz Rheinland-Pfalz Mohammed Najjar. In seinen Videos propagiert er ein Rollenbild der Frau, das sich gegen Gleichberechtigung richtet. "Meiden im Ehebett ist sozusagen eine Erziehungsmaßnahme von dem Mann an die Frau. Und ja, der Mann erzieht auch irgendwo seine Frau. Das ist normal", sagt er.
Auf Anfrage des BR teilt er schriftlich mit: Gemeint sei kein "Erziehen" im Sinne von Zwang oder Druck, sondern gegenseitige Unterstützung im Einklang mit geltendem Recht.
Für die betroffene Frau vom Anfang der Geschichte sind religiöse Ideologien keine abstrakte Debatte. Sie haben ihr Leben geprägt – und beinahe zerstört.
BR24 auf TikTok: Fünf Indizien, wie du islamistische Tendenzen erkennst!
Das ist die Europäische Perspektive bei BR24.
"Hier ist Bayern": Der BR24 Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!
