Zwei Schwarzweißbilder vom 18 jährigen Thomas Nolte. Er blickt müde und verweint in die Kamera.
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Bilder aus der Stasi-Haft: Thomas Nolte, damals 18 Jahre, war politischer Gefangener in der DDR.
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Bilder aus der Stasi-Haft: Thomas Nolte, damals 18 Jahre, war politischer Gefangener in der DDR.

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DDR-Willkür: Wie Stasi-Methoden bis heute nachwirken

DDR-Willkür: Wie Stasi-Methoden bis heute nachwirken

Isolation, Verhöre und Druck: In der DDR wurden politische Gefangene systematisch mürbe gemacht. Wie die Stasi versuchte, junge Menschen zu brechen und warum die Folgen bis heute nachwirken.

Über dieses Thema berichtet: Die Entscheidung am .

"Wenn Sie versuchen zu flüchten, werden Sie erschossen." Diesen Satz hört Mario Obst im Februar 1989. Zwei Mitarbeiter der Staatssicherheit holen den damals 18-Jährigen aus seinem Ausbildungsbetrieb. Nach einem abgelehnten Reiseantrag will er in den Westen fliehen, doch die Stasi erfährt davon. Er kommt in Untersuchungshaft.

Verhöre mit einem klaren Ziel

Tagelang sitzt der Teenager isoliert in einer Zelle in der Erfurter Andreasstraße. "Angst hatte ich während der ganzen Zeit im Gefängnis", sagt er. "Man ist ausgeliefert." Nach Tagen der Isolation folgen Wochen mit Verhören. Stundenlang muss er seine Fluchtpläne wiederholen. Dieselben Fragen, dieselben Antworten, immer wieder. "Das ging den ganzen Tag durch. Immer wieder wiederholen."

Der Ablauf war Strategie, erklärt Matthias Morawski, Mitarbeiter beim Thüringer Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Durch die Isolation seien den Gefangenen zunächst fast alle Reize entzogen worden: "Man hat keine Zeitung, kein Radio, keinen Kontakt, nichts zum Lesen. Das löst Ohnmachtsgefühle aus, die verheerend sind." Nach Tagen ohne Zuwendung wirkt selbst ein Verhör wie ein Ausweg aus der Einsamkeit.

Politische Haft, die nicht so heißen durfte

Gleichzeitig benötigte die Stasi die Aussagen ihrer Inhaftierten. Denn manche ihrer Erkenntnisse stützen sich auf Methoden, die selbst nach DDR-Recht illegal waren, etwa konspirative Wohnungsdurchsuchungen. "Das war letztlich der Sinn und Zweck der Untersuchungshaft: eine Geständnisproduktion", sagt Morawski.

Mario Obst ist einer von schätzungsweise 250.000 politischen Gefangenen (externer Link) der DDR. Die Zahlen schwanken, denn offiziell gab es die in der DDR gar nicht. Menschen, die politisch auffielen, wurden beispielsweise für Rowdytum verurteilt. Der Paragraf deckte von der Kneipenschlägerei bis zu politischen Aussprüchen, wie "Die Mauer muss weg" einiges ab, weswegen er heute auch als Gummiparagraph bezeichnet wird.

Unschuldsvermutung Fehlanzeige

Heute befindet sich in den Räumlichkeiten der U-Haftanstalt in Erfurt die Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße (Link zum MDR). Dort arbeitet Judith Meyer. Weil es die politischen Gefangenen offiziell nicht gab, kriminalisierte die Staatssicherheit politisches Verhalten: "Für uns ist es klar, dass es keine richtigen Verbrechen waren, dass es um politische Delikte geht", sagt Meyer.

Für SED und Stasi sei es dagegen um Machterhalt gegangen. Und darum, politische Gegner wegzusperren. Die Verhöre sollten daher keinen Verdacht ergebnisoffen prüfen: "Alles, was hier passierte, hatte das Ziel, dass sie verurteilt werden."

Der Druck reichte bis nach Hause

Wie weit der Zugriff der Stasi ging, zeigt auch der Fall Thomas Nolte. Mit 18 wurde er 1987 nach einem Konzertabend verhaftet und ebenfalls in der Andreasstraße in Erfurt eingesperrt: "Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass ich in so eine Zelle eingesperrt wurde. Und ich glaube, da habe ich wirklich, bis ich geschlafen habe, lange geheult, weil ich es nicht begreifen konnte. Ich konnte es einfach nicht begreifen." Seine Geschichte erzählt BR-Journalistin Marie Müller, seine Tochter, im Podcast "Die Entscheidung: Gefangen in der DDR".

In der U-Haft ist er nur noch eine Nummer. Die Zellenbelegung wechselt regelmäßig, damit keine engen Beziehungen zwischen den Inhaftierten entstehen. Einmal am Tag werden sie in den Freihof geführt. Eine halbe Stunde dürfen die Insassen hintereinander im Kreis laufen. Miteinander sprechen dürfen sie nicht.

Während Nolte einsitzt, durchsucht die Stasi sein Elternhaus. Familie, Freunde und Arbeitgeber müssen aussagen. Die Aussagen werden Nolte zur Unterschrift vorgelegt. "Ich war in einer ziemlich beschissenen Verfassung, da unterschreibst du alles, da sagst du alles. Da willst du einfach nur wieder hier raus."

Wenn die Haft weiterwirkt

Solche Erfahrungen prägen Betroffene bis heute. Laut Morawksi reagieren manche noch Jahrzehnte später auf Polizei oder Behörden mit Angst und körperlichem Stress. Die Erlebnisse werden teilweise auch an die nächste Generation weitergegeben. Auch Kinder erlebten Rückzug, Traurigkeit oder heftige Reaktionen ihrer Eltern, ohne deren Ursprung zu kennen. "Diese Beziehungserfahrung mit einem Menschen, der in Haft war, der über manche Dinge nicht sprechen kann, prägt Menschen im Unbewussten", sagt Morawski.

Mario Obst berichtet heute als Zeitzeuge beispielsweise Schulklassen von seinen Erfahrungen. Die Willkür der DDR – 36 Jahre nach ihrem Ende hat er diesen Umgang mit seinen Erlebnissen gefunden.

Mehr zur Geschichte von Mario Obst und Thomas Nolte gibt’s in der neuen Staffel "Die Entscheidung: Gefangen in der DDR" bei ARD Sounds.

Dieser Artikel ist erstmals am 2. Oktober 2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.

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