Noch im letzten Jahr hätten viele Experten die Chancen für den digitalen Euro auf fifty-fifty geschätzt. Inzwischen bekommt man von manchen Experten ziemlich eindeutige Antworten. Ralf Fendel beispielsweise würde die Chancen für die europäische Digitalwährung jetzt auf 90 Prozent taxieren.
Der Professor für Volkswirtschaftslehre an der Otto Beisheim School of Management sagt im Gespräch mit BR24: "Man muss sehen, dass die EZB jetzt schon konkret an der technischen Umsetzung arbeitet." Gemeinsam mit externen Unternehmen wird demnach schon an einer App für den digitalen Euro gearbeitet. Soviel Aufwand würde nicht betrieben, stünde das Projekt noch immer auf der Kippe.
Trump kann Europäern den Geldhahn zudrehen
Die politischen Irritationen, die US-Präsident Donald Trump rund um Grönland ausgelöst hat, haben dem Projekt nochmal einen zusätzlichen Schub gegeben, glaubt Professor Wendel. Und nicht nur das: Er verweist auch auf die US-Sanktionen gegen den Internationalen Strafgerichtshof. Mehrere Richter wurden wegen der Ermittlungen gegen Israels Premierminister Netanjahu von Trumps Regierung auf eine schwarze Liste gesetzt.
Darunter auch der Franzose Nicolas Guillou. Er erzählte in der französischen Presse, wie es ist, wenn man "auf einem großen Teil des Planeten eine Bankensperre hat." So ein Bann durch Trump kann nicht nur Einzelpersonen treffen, sondern auch Unternehmen in Europa, wie Volkswirt Wendel anmerkt. Mehr Unabhängigkeit gerade im Finanzsektor wäre deshalb enorm von Vorteil.
Digitales Bargeld: Wie funktioniert das?
Bargeld hat den Vorteil, dass man kein Handy und kein Internet braucht. Mit dem digitalen Euro soll das grundsätzlich so bleiben. Nutzerinnen und Nutzer sollen ihn zwar über eine App auf dem Smartphone verwenden können. Aber die funktioniert auch offline, etwa im Funkloch oder wenn das Internet ausfällt. Wer kein Smartphone zum Zahlen nutzen will, kann sich den digitalen Euro auch auf eine Chipkarte laden lassen.
3000-Euro-Grenze für den Digitalen Euro
Das klassische Bankensystem soll nicht ausgehöhlt wird. Deshalb plant die EZB eine Obergrenze: 3.000 Euro sollen maximal im digitalen Euro-Geldbeutel liegen dürfen. Erhält jemand mehr auf sein Handy oder die Karte überspielt, fließt das automatisch auf das hinterlegte Bankkonto. Andersherum wird beim Auszahlen von höheren Beträgen von diesem Konto wieder etwas "angesaugt". Der Gedanke: Sparen soll man mit dem digitalen Euro nicht, bezahlen schon. Der Digitalwährungsexperte Co-Pierre Georg von der Frankfurt School of Finance & Management betont zudem, eine Transaktionsgrenze sei vor allem wichtig, um Geldwäsche zu unterbinden.
Konkurrenz für Visa und Co
Ein erheblicher Teil des digitalen Zahlungsverkehrs läuft derzeit auch in Europa über amerikanische Dienstleister ab. Die wichtigsten: Mastercard, Visa, PayPal, Apple Pay und Google Pay. Und die würden von den hiesigen Einzelhändlern erhebliche Gebühren verlangen, sagt Co-Pierre Georg. "Kreditkartentransaktionen zum Beispiel kosten ungefähr 1,1 Prozent des Umsatzes." Die Gewinnmargen der Einzelhändler seien aber "rasierklingendünn". Hiesige Handelsunternehmen haben demnach großes Interesse, von dieser Abhängigkeit von US-Finanzdienstleistern wegzukommen.
Setzt der digitale Euro Wero unter Druck?
Die deutschen Banken setzen deshalb gerade große Hoffnungen in einen neuen Paypal-Konkurrenten: Wero soll ähnliche Dienste bieten wie der US-Rivale, aber zu günstigeren Konditionen. Würde dieses Projekt nun durch den digitalen Euro unter Druck gesetzt? Co-Pierre Georg sieht diese Gefahr nicht. Seiner Ansicht nach sollten sich beide Systeme ergänzen. Wero als private Initiative könne viel innovativer und dynamischer sein als der digitale Euro. Ganz ähnlich sieht das Ralf Fendel von der School of Finance. Der digitale Euro sei das Basisprodukt. Für die Komfortzone wäre demnach Wero zuständig.
Und wann genau kommt der digitale Euro?
Da sich der EU-Rat, in dem die Mitgliedsländer versammelt sind, für die neue Digital-Währung auszusprechen scheint, kann es jetzt relativ zügig gehen. Es braucht nun eine Verordnung, also ein Gesetz. Über das kann das europäische Parlament vielleicht sogar schon in diesem Jahr abstimmen. Geht das glatt durch, dann kann es 2027 erste Tests geben und 2029 können wir womöglich schon alle das neue Digital-Geld nutzen.
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