Stephan Jobke, Wirt der Rieder Hütte im österreichischen Salzkammergut, machte seinem Ärger kürzlich auf Instagram Luft (externer Link). Für ein Wochenende in der Vorsaison sei die Hütte zunächst gut gebucht gewesen. Statt der erwarteten 20 Gäste kamen am Ende jedoch nur vier.
"Wir planen fürs Wochenende und bestellen Mitarbeiter ein. Dann sagen viele kurzfristig oder gar nicht ab", sagt Jobke. Verständnis habe er für Absagen wegen schlechten Wetters oder einer Verletzung. Problematisch seien jedoch kurzfristige Stornierungen ohne nachvollziehbaren Grund oder Gäste, die einfach nicht erscheinen.
Alpenvereine appellieren an Wanderer
Mit diesem Problem steht Jobke nicht allein da. Sowohl beim Deutschen Alpenverein (DAV) als auch beim Österreichischen Alpenverein (ÖAV) berichten viele Wirtsleute von ähnlichen Erfahrungen: An den Wochenenden sind die Schlafplätze oft ausgebucht, dennoch bleiben am Ende Betten leer.
An manchen Wochenenden tauchten bis zu 40 Prozent der reservierten Gäste nicht auf, sagt Carolin Scharfenstein vom ÖAV. Der Verein hat deshalb zu einem verantwortungsvolleren Umgang mit Reservierungen aufgerufen. Wer eine Tour nicht antreten kann, solle seinen Platz möglichst frühzeitig wieder freigeben.
Ein Problem sei dabei, dass manche Wanderer mehrere Hütten gleichzeitig buchen und sich erst kurz vor der Tour entscheiden. Für die Wirte entstehen dadurch organisatorische und wirtschaftliche Schwierigkeiten.
Ein paar Klicks am Smartphone – und der Schlafplatz ist gebucht
Als Ursache steht auch die Digitalisierung im Verdacht. Durch Online-Buchungsportale sei das Reservieren auf Hütten einfacher, aber auch unverbindlicher geworden, sagt Carolin Scharfenstein: "Früher musste man aufwändig anrufen oder eine E-Mail schreiben. Heute geht man einfach ins Reservierungssystem." Einerseits eine enorme Erleichterung für die Hüttenwirte. Andererseits gehe dadurch der persönliche Kontakt und auch eine gewisse Verbindlichkeit verloren.
Der Augsburger Psychologe und Generationenforscher Rüdiger Maas beobachtet ähnliche Entwicklungen. Smartphones hätten dazu geführt, dass Entscheidungen spontaner getroffen würden. Mit dem Smartphone könne man schnell und affektgetrieben eine Hütte buchen, oft ohne Anzahlung. "Wenn das Wetter unsicher ist, nehme ich eine neue Option wahr. Auch wieder unverbindlich mit dem Smartphone", sagt Maas. Früher hatte man nicht so viele Optionen. "Und hätten wir die gleichen Bedingungen wie vor der digitalen Einführung, hätten wir ein ähnliches Verhalten", so der Psychologe. Denn: Nicht der Mensch habe sich verändert, sondern seine Umgebung.
Wirtsleute telefonieren Reservierungen hinterher
Wie häufig Gäste ohne Absage fernbleiben, erlebt auch das Team der Pfeishütte im Karwendel. Die meisten Reservierungen würden zwar eingehalten. Dennoch gebe es nahezu täglich Gäste, die nicht auftauchten, sagt Hüttenmitarbeiter Stefan Möller. Bis 18 Uhr sollten Gäste eingecheckt haben. Danach greife das Hüttenteam regelmäßig zum Telefon.
Dabei gehe es nicht nur um die Belegung, sondern auch um die Sicherheit in den Bergen. "Wir telefonieren hinterher, um sicherzugehen, dass die Leute nicht in Not geraten sind", sagt Möller. Viele fühlen sich dann ertappt und sagen: "Sorry, ich komme heute nicht mehr."
Mehr Verbindlichkeit schaffen
Viele Hütten haben inzwischen ihre Stornogebühren erhöht. Psychologe Maas hält das für einen sinnvollen Schritt. Darüber hinaus plädiert er für mehr direkten Kontakt zwischen Hütten und Gästen, etwa durch eine Erinnerung oder Nachfrage einige Tage vor der Anreise.
Auch Stephan Jobke von der Rieder Hütte im Salzkammergut erhielt nach seinem Instagram-Post ähnliche Vorschläge. Vor allem aber erreichten ihn Zuspruch und Verständnis. Seine Hoffnung: Dass sich mehr Gäste bewusst machen, welche Folgen kurzfristige Absagen haben – und reservierte Schlafplätze rechtzeitig wieder freigeben.
Dieser Artikel ist erstmals am 12. Juli 2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel aktualisiert und erneut publiziert.
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