In einem Online-Forum der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) sind Bombenbau-Anleitungen als Video und PDF abrufbar, dazu Anschlagspläne und Propagandamaterial in mehreren Sprachen, auch auf Deutsch. Eine kurze Begründung genügt, dann schaltet ein Administrator den Zugang frei.
Solche Plattformen entziehen sich jedoch weitgehend staatlicher Regulierung. Hans-Jakob Schindler von der transatlantischen Denkfabrik "Counter Extremism Project" erklärt, für eine Regulierung einer Industrie brauche es einen Industriepartner auf der anderen Seite, der kommerzielle Gewinne erziele und deshalb in die Verantwortung genommen werden könne, um sicherzustellen, dass Produkte oder Dienste keinen Schaden anrichten. Bei abgeschotteten IS-Foren fehle jedoch ein rechtlich greifbarer Betreiber, der haftbar gemacht werden könne.
IS-Propaganda: Mehr Löschungen – begrenzte Wirkung
Während solche extremistischen Nischenplattformen kaum erreichbar sind, versuchen Sicherheitsbehörden, zumindest bei großen sozialen Netzwerken wie TikTok oder Telegram gegenzusteuern. Das Bundeskriminalamt (BKA) hat im vergangenen Jahr mehr als 23.000 islamistische Inhalte im Internet zur Löschung vorgeschlagen. Das geht aus einer Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Grünen-Fraktion hervor, die dem Bayerischen Rundfunk vorliegt. In den Jahren zuvor lag die Zahl der sogenannten Löschanregungen meist zwischen 7.000 und knapp 14.000. Auch die Erfolgsquote ist gestiegen: Zuletzt wurden 96 Prozent der gemeldeten Inhalte entfernt.
Es sei gut, dass 2025 mehr als 20.000 islamistische Inhalte gelöscht worden seien, sagt Schindler. Gleichzeitig stelle diese Menge nur einen geringen Bruchteil der Daten dar, die im islamistischen Spektrum in Deutschland jährlich hochgeladen würden. Die schiere Masse an Propagandamaterial, Predigten, Musikstücken und Kurzvideos übersteige das, was Behörden im Nachhinein melden könnten, bei weitem.
Islamistische Inhalte im Netz: Das fordert der Experte
Experte Schindler fordert deshalb eine gesetzliche Verschärfung: Plattformen müssten verpflichtet werden, proaktiv sicherzustellen, dass über ihre Dienste keine illegalen terroristischen, extremistischen oder kriminellen Inhalte verbreitet werden. Bislang reagierten viele Anbieter erst, wenn Behörden oder Nutzer problematische Beiträge meldeten.
Parallel beobachten Fachleute eine veränderte Zielgruppe islamistischer Propaganda. Radikalisierten sich früher vor allem junge Männer Anfang zwanzig, geraten heute zunehmend Jugendliche im Schulalter in den Sog extremistischer Inhalte. Besonders wirkmächtig sind sogenannte Nashids, religiöse Gesänge, die vom IS seit Jahren propagandistisch instrumentalisiert werden. Das BKA setzt bei seinen Löschanregungen in sozialen Netzwerken deshalb einen Schwerpunkt auf diese Inhalte.
Der Pädagoge Navid Wali von der NGO Violence Prevention Network, die auch in Bayern Islamismus-Aussteiger betreut, beschreibt die emotionale Wirkung solcher Gesänge: Pathetischer, martialischer Klang trifft auf drastische Bilder und kann Jugendliche stark emotionalisieren. In ihrer Orientierungsphase suchen sie nach klaren Antworten; werden komplexe politische oder religiöse Fragen scheinbar einfach erklärt, kann sich ein problematisches Religionsverständnis verfestigen.
Wie ein Jugendlicher sich online radikalisierte
Wie subtil dieser Prozess verläuft, zeigt der Fall eines jungen IS-Aussteigers aus dem deutschsprachigen Raum. Mit 16 Jahren sei er über soziale Netzwerke erstmals mit entsprechenden Inhalten in Berührung gekommen, erzählt er dem BR. Er habe den Eindruck gehabt, Muslime würden etwa in Gaza wie Menschen zweiter Klasse behandelt. Einen Anschlag habe er zwar nicht geplant, doch in einschlägigen Foren sei darüber gesprochen worden. Besonders angesprochen hätten ihn die Nashids, die Gesänge des IS. Die arabischen Texte habe er oft nicht verstanden: "Man kennt halt die Übersetzung nicht. Aber man denkt sich halt, boah, das klingt voll gut – und teilt das dann auf TikTok."
Pädagoge: Großes Problem ist fehlendes Wissen
Dass Jugendliche Inhalte verbreiten, ohne deren ideologischen Hintergrund zu kennen, beobachten Fachleute wie Navid Wali immer wieder. Fehlendes religiöses Wissen und mangelnde Sprachkenntnisse erleichterten es extremistischen Akteuren, Deutungen zu setzen, sagt Wali.
Neben einer effektiveren Regulierung fordern Experten mehr politische Bildung, mehr religiöse Aufklärung und vor allem mehr digitale Kompetenz. Auch Lamya Kaddor, in der Grünen-Bundestagsfraktion Berichterstatterin für die Bekämpfung des Islamismus, fordert Maßnahmen. Schlecht aufgestellt sieht sie die Bundesregierung unter anderem bei präventiven und repressiven Maßnahmen, die sich gegen islamistische Radikalisierung über Gaming-Plattformen wie Roblox oder Discord richten.
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