Martin Pilgram ist alarmiert. Der Vertreter der ökumenischen Friedensbewegung Pax Christi hat einen Brief an offizielle Vertreter der christlichen Kirchen in Deutschland aufgesetzt. Der Grund: Seiner Ansicht nach lassen sich evangelische und katholische Kirche dafür einspannen, die Menschen in Deutschland "kriegstüchtig" zu machen.
Pax Christi: Kirchen bereiten den Krieg mit vor
Pilgram hat den Eindruck, hierzulande werde der Ernstfall – sprich der Krieg – vorbereitet – "und da machen die Kirchen einfach mit". Eigentlich, so der Friedensaktivist aus dem Landkreis München, würde er erwarten, dass sie "den Frieden vorbereiten". Der evangelische Militärbischof Bernhard Felmberg will das so nicht stehen lassen. Wer "Friede, Friede" rufe- der habe "keinen Realismus", es sei eben gerade "kein Frieden in der Welt".
Kirchen veröffentlichen Rahmenkonzept für Seelsorge im Verteidigungsfall
Grund des Disputs innerhalb der Kirchen ist ein zunächst als "intern" gekennzeichnetes Papier, das erst vor einigen Tagen veröffentlicht wurde: Das "ökumenische Rahmenkonzept Seelsorge und Akutintervention im Spannungs-, Bündnis- und Verteidigungsfall". Daran mitgeschrieben haben hochrangige Vertreter der evangelischen und der katholischen Kirche in Deutschland, unter anderem der evangelische Militärbischof Felmberg.
Anlass sei eine Anfrage des Bundesverteidigungsministeriums gewesen, so der Bischof im Interview mit dem Bayerischen Rundfunk. Das Ministerium habe wissen wollen, ob die Militärseelsorge in der Lage sei, in einem Verteidigungsfall "adäquat Soldatinnen und Soldaten" und "Menschen, die verwundet sind, die auf dem Rücktransport nach Deutschland sind", zu begleiten. Bischof Felmberg sah Handlungsbedarf: "Weil wir genau wissen, wie wenig Personal die Militärseelsorge hat, haben wir daraus auch geschlossen, dass wir besser aufgestellt sein müssen", so der evangelische Geistliche.
Kirchliche Infrastruktur wäre im Kriegsfall gefragt
Das Papier behandelt aber nicht nur die Militärseelsorge. Sondern es geht auch darum, wie die Krisenseelsorge für die Zivilbevölkerung aufgestellt ist. Wie Kirche beispielsweise beim Überbringen von Todesnachrichten unterstützen kann. Und: Was für Angebote es vor Ort in den Gemeinden geben muss – um die Resilienz zu stärken. Auch die kirchliche Infrastruktur im Bündnis- oder Verteidigungsfall ist Thema: mit den vielen Gemeindesälen, mit Krankenhäusern sowie Sozialverbänden wie Caritas und Diakonie.
Sich in der jetzigen Weltsituation nicht seelsorgerlich auf einen Krisenfall vorzubereiten, wäre "fahrlässig", so Felmberg. Er hatte das ökumenische Rahmenkonzept analog zum Operationsplan Deutschland der Bundeswehr schon während der Entstehungsphase als "geistlichen Operationsplan" bezeichnet.
Für Martin Pilgram von Pax Christi ist das ein Beleg dafür, dass sich die Kirchen in Deutschland zumindest in Teilen davon verabschiedet haben, eine glaubwürdige Stimme für den Frieden sein zu wollen. Er moniert, dass sie kaum eigene Akzente setzten und eigene Vorstellungen von aktiver Friedensarbeit skizzierten. So komme in dem Papier beispielsweise das Thema "Kriegsdienstverweigerer und Deserteure" zu kurz.
ZdK mahnt: Friedensethik darf nicht relativiert werden
Die Präsidentin des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, Irme Stetter-Karp, äußert gemischte Gefühle mit Blick auf den "geistlichen Operationsplan". Angesichts der sicherheitspolitischen Herausforderungen habe sie Verständnis dafür, dass die Kirchen sich für ihre seelsorgerlichen Aufgaben in einem Krisenfall vorbereiteten. Sie halte es aber gleichzeitig für notwendig, "das Augenmerk als Christen auf die Friedensethik mit ihrem Primat einer gewaltfreien Konfliktlösung und einer entschiedenen Suche nach Frieden nicht zu relativieren". Stetter-Karp spricht von der Gefahr, "dass sich Muster bilden und alles sich quasi auf Rüsten und Aufrüsten konzentriert".
Umsetzung liegt nun auch bei den Landeskirchen und Bistümern
Das Konzept umsetzen müssen nun die katholischen Bistümer und die evangelischen Landeskirchen. Bayerns evangelischer Landesbischof Christian Kopp findet das legitim und machbar – letztlich setze es auf bereits bestehenden Katastrophenschutzplänen auf. Den Begriff "Geistlicher Operationsplan" von Militärbischof Felmberg hält aber auch er für nicht angemessen: "Wir sind nicht der Knecht dieser Kriegslogik, sondern unser Auftrag heißt Frieden", so Kopp.
Die Seelsorge für den Kriegsfall vorzubereiten und gleichzeitig glaubwürdige Friedensarbeit jenseits der Militärlogik zu leisten: Für die christlichen Kirchen ist das gerade eine enorme Herausforderung.
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