Inhaltlich biete das Buch kaum Neues, so Regina Elsner, Ostkirchen-Expertin an der Universität Münster. Kyrills Botschaft: "Dieser Krieg gegen die Ukraine steht nicht für sich allein, sondern ist eingebunden in unseren Auftrag, den wir seit dem Zweiten Weltkrieg kennen und sehen, unseren Weltauftrag, den wir von Gott bekommen haben, die Welt vor dem Bösen zu bewahren."
Die Sicht des Patriarchen: Russland im Endzeitkampf
Die Sammlung von Predigten und Vorträgen des Kirchenoberhaupts zeige auch Kyrills Sicht auf Europa: "Der Nationalismus ist zurück als Neonationalismus", erklärt Elsner den Blick des Patriarchen. "Das sagt er auch so, 'in Europa wird die im Kern antichristliche, neonationalistische Ideologie gerade wiedergeboren. Und wir als Russland haben diesen Auftrag seit dem Zweiten Weltkrieg, das zu bekämpfen'."
Auch Thomas Schwartz, Leiter des katholischen Osteuropa-Hilfswerks Renovabis, hat sich einen Überblick über das Buch verschafft, das nur auf Russisch zu bekommen ist. Er beobachtet, dass sich Politik und Religion in Kyrills Weltsicht gegenseitig negativ verstärken.
Dschihad-ähnlicher Kampf gegen "böse Mächte"
"Interessant war bei der Lektüre ein Begriff, nämlich Podvig, der im Russischen nicht nur militärische, sondern auch seelische Anstrengung bedeutet, und das ist eine interessante Analogie zum Begriff des Dschihad, der ja im muslimischen Denken auch eine innere Anstrengung, aber eben auch eine militärische Aggression bedeuten kann."
Seit seinem Amtsantritt als Patriarch 2009 habe Kyrill I. seine Kirche so umgebaut, dass keine andere Haltung als seine zulässig sei, so Elsner. Zudem sei die russische Orthodoxie "im Bildungssystem, in der Kulturpolitik und in der Verteidigungspolitik die dominante Deutungsmacht".
Haltung von Politik und Kirchen zu Kyrill: zu wenig Sanktionen?
Elsner fordert deswegen, Kyrill als politischen Akteur wahrzunehmen, nicht nur als Kirchenoberhaupt und entsprechend zu sanktionieren. Tschechien, Kanada oder Großbritannien haben den Patriarchen sanktioniert, die EU konnte sich wegen eines Vetos von Bulgarien zuletzt im Juli nicht darauf einigen.
Und die Kirchen? In München leitet Erzbischof Mark als Metropolit die deutsche Diözese der russisch-orthodoxen Auslandskirche. Er möchte das Buch des Patriarchen nicht kommentieren, er habe es nicht gelesen. Er sei gegen jeden Krieg, auch gegen den in der Ukraine. Diese Haltung wünsche er sich auch vom Patriarchen. "Dass er sich nicht ganz klar dagegen ausspricht, das würde man von einem Mann der Kirche erwarten. Das bedaure ich."
2022 forderten Theologinnen und Religionswissenschaftler in einem offenen Brief, die russisch-orthodoxe Kirche aus dem Weltkirchenrat auszuschließen. Der Vorsitzende des Zentralausschusses, der frühere bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, lehnt das bis heute ab.
Weltkirchenrat gegen Ausschluss russisch-orthodoxer Delegierter
"Das heißt ja dann, dass die letzten Gesprächsbrücken in die Welt der russischen Propaganda, auch noch abgebrochen werden und das, was etwa die Delegierten der russisch-orthodoxen Kirche im Gespräch mit uns an anderen Einschätzungen hören, dann ja auch noch wegfällt", so Bedford-Strohm im Gespräch mit dem BR.
Der Weltkirchenrat habe im Ukraine-Krieg klar Stellung bezogen, etwa mit einem Solidaritätsbesuch in Kiew. Wegen des Buchs habe man bereits das Gespräch mit der russisch-orthodoxen Kirche gesucht, bislang aber keine Antwort erhalten. "Die Frage, wo eine Grenze liegt für den Dialog, ist eine Frage, die ich mir auch persönlich immer wieder stelle", sagt Bedford-Strohm. Aber die russisch-orthodoxe Kirche sei nicht identisch mit dem Patriarchen.
Den Münsteraner evangelischen Theologen Hans-Peter Großhans überzeugt das nicht. Er sagt: "Patriarch Kyrill ist weiterhin einer der Ideologen dieses Krieges, unterstützt die Regierung massiv darin, die Ukraine zusammenzuschießen und nimmt in Kauf, dass sehr viele Menschen dabei sterben." Das widerspreche der Friedensethik des Weltkirchenrats. Großhans fordert, die Mitgliedschaft der russisch-orthodoxen Kirche auf Eis zu legen. Man könne weiter im Dialog bleiben. Aber das sei eh ein Euphemismus. "Weil eigentlich kein Gespräch besteht."
Am Montag reiste der vatikanische Sekretär für die Beziehungen mit den Staaten – sozusagen der vatikanische Außenminister – Erzbischof Paul Gallagher nach Moskau. Er traf dort auf den russischen Außenminister Sergej Lawrow. Bei einem gemeinsamen Pressetermin am Dienstag sagte Gallagher: "Dieser Krieg muss enden." Der Konflikt könne nicht militärisch gelöst werden. Der Heilige Stuhl biete sich weiterhin als Vermittler an. Russlands Außenminister Lawrow bezeichnete das Gespräch als "sehr nützlich" und begrüßte "die Öffnung des Heiligen Stuhls zum Dialog mit Russland".
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