Mit schlechten PISA-Ergebnissen hatte Karin Prien gerechnet. Überrascht hat die Bundesbildungsministerin etwas anderes: "Dass Eltern Bildung einfach nicht so wichtig finden wie in anderen OECD-Staaten und EU-Staaten." Das sagte die CDU-Politikerin bei "Welt TV" – an dem Tag, an dem die schlechtesten jemals erhobenen Ergebnisse für Deutschland bekannt wurden. Kanzler Friedrich Merz (CDU) klang ähnlich: Die Ergebnisse seien "ernüchternd", doch Bildung und Erziehung könne man nicht an den Staat "outsourcen". Auch Familien und Eltern hätten eine Verantwortung.
Bildung als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, also: Eltern, Lehrer, Politiker – alle sind gefragt. In PISA-Spitzenländern ist das Realität, sagt Studienleiter Samuel Greiff von der TU München. Die PISA-Studie zeigt Nachholbedarf bei allen. Ein Überblick.
Eltern: Rückgang familiärer Unterstützung
Priens Aussage sorgte bei vielen Eltern für Kritik. Die Grünen-Politikerin Ricarda Lang fragt auf Instagram, ob Eltern nun auch noch "die Verantwortung für das vernachlässigte Bildungssystem übernehmen" sollten, "während überall Gelder für Familien gestrichen werden?"
Was die Studie zeigt: 53 Prozent der Jugendlichen berichten, dass sich Eltern oder Angehörige mindestens einmal pro Woche erkundigen, wie es in der Schule läuft. Das liegt unter dem OECD- und EU-Schnitt. Der Rückgang familiärer Unterstützung ist allerdings ein internationaler Trend. Auffälliger: Nur elf Prozent der Jugendlichen glauben, dass ihre Eltern einen Hochschulabschluss erwarten. Im OECD-Schnitt sind es 51 Prozent. Wo die Erwartungen höher sind, fallen auch die Leistungen besser aus. Aber: Befragt wurden nicht die Eltern, sondern die Schüler.
Lehrer: Jugendliche geben schlechte Unterstützung an
Die PISA-Studie liefert Befunde, die über die Familien hinausgehen. Die 15-Jährigen in Deutschland bewerten beispielsweise Klassenführung und Unterstützung durch ihre Lehrkräfte schlechter als im OECD-Schnitt.
Der Philologenverband fordert bereits: "Schluss mit Schuldzuweisungen ans deutsche Schulsystem und seine Lehrkräfte". Zur Wahrheit gehört: Die Suche nach Schuldigen gehört nach jeder PISA-Runde dazu. Für den Philologenverband geht es jetzt um zwei Punkte, "die seit Jahren viel zu wenig politische Priorität erhalten": Sprachförderung von Kindern, Stärkung von Lehrkräften.
Bund: Weniger Bildungsausgaben als im OECD-Schnitt
Was also tut der Bund? Laut OECD-Bericht "Bildung auf einen Blick 2025" gibt Deutschland 4,4 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für Bildung aus. Der OECD-Schnitt liegt bei 4,7 Prozent, Norwegen oder das Vereinigte Königreich investieren mehr als sechs Prozent. Das liegt nicht allein am Bund: Zuständig sind eigentlich die Länder, der Bund ist meist nur Geldgeber.
Bildungsministerin Prien will das ändern, mehr mitreden, auch bei Qualität und Lehrerfortbildung. Das zeigt das Förderprogramm "Digitalpakt Schule 2.0": Fünf Milliarden Euro über fünf Jahre, je zur Hälfte von Bund und Ländern getragen. Es geht nicht nur um die Anschaffung digitaler Geräte, sondern auch um Weiterbildungen von Lehrkräften, die mit den Geräten, aber auch mit Künstlicher Intelligenz unterrichten müssen.
Neues Kita-Gesetz: Sprachtests für Vierjährige
Noch deutlicher wird Priens Anspruch bei den Kitas, ebenfalls Ländersache. Nach ihrem vom Kabinett beschlossenen Kita-Gesetz soll spätestens mit vier Jahren bundesweit verbindlich vor allem der Sprachstand erhoben und bei Bedarf gezielt gefördert werden. Einigen sich Bund und Länder, fließen über acht Jahre mehr als neun Milliarden Euro. Kitas in herausfordernden Lagen erhalten zusätzliches Personal.
Priens Bedingung: "Es wird nur zusätzliches Geld geben für Qualitätsstandards, die der Bund setzt." Ob die Länder da mitziehen, ist offen. Grüne und Linke werfen der Regierung hingegen vor, mit dem neuen Gesetz zu kürzen, weil andere Kita-Programme auslaufen.
Ungleiche Bildungschancen: Der Maßstab von Merz
Kanzler Merz hat den Ländern angesichts der PISA-Ergebnisse angeboten, "dass wir noch einmal gemeinsam zu einer großen Kraftanstrengung finden, um die Situation der Bildung in Deutschland zu verbessern." Wie genau, ist unklar.
Klar ist aber für den Kanzler: Es sei eine der zentralen Aufgaben der Bundesrepublik, dafür zu sorgen, dass Kinder und Jugendliche eine Chance haben. An diesem Satz muss sich die gesamte Bundesregierung messen lassen: In kaum einem anderen Land hängen Bildungschancen so stark von der sozialen Herkunft und dem Elternhaus ab wie in Deutschland – das zeigt PISA nicht zum ersten Mal.
Studienleiter Greiff bleibt dennoch optimistisch: Nach dem ersten PISA-Schock vor 25 Jahren habe sich Deutschland schon einmal nach vorne gearbeitet. Er warnt aber vor kurzer Empörung und schnellem Vergessen. Nötig sei eine gemeinsame Strategie, an der man kontinuierlich dranbleibt – daran habe es in den vergangenen zehn Jahren gefehlt. Zuständig dafür ist die Politik.
Dieser Artikel ist erstmals am 11.09.2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.
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