28.01.2026, Berlin: Holocaust-Überlebende Tova Friedman (l) spricht während einer Gedenkstunde im Deutschen Bundestag anlässlich des Holocaust-Gedenktags zu den Gästen - darunter Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (r).
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Tova Friedman hat den Holocaust überlebt und erzählt heute davon im Bundestag
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NS-Überlebende im Bundestag: "Nie wieder" ist kein Slogan

NS-Überlebende im Bundestag: "Nie wieder" ist kein Slogan

Als sie ins KZ verschleppt wurde, war Tova Friedman ein Kind. Wie durch ein Wunder überlebte sie den Nazi-Terror. Jetzt hat die 87-Jährige im Bundestag vom damaligen Grauen berichtet. Und dazu aufgerufen, Warnsignale der Gegenwart ernst zu nehmen.

Über dieses Thema berichtet: BR24 am .

An normalen Sitzungstagen werden Bundestagsdebatten oft von einem Grundrauschen begleitet. Mal ruft jemand dazwischen, mal unterhalten sich Abgeordnete während einer Rede, und häufig richtet sich der Blick von Sitzungsteilnehmern aufs Handy. Doch diesmal zieht ein besonderer Gast alle Aufmerksamkeit auf sich: die Holocaust-Überlebende Tova Friedman. Immer wieder brandet Beifall auf, als sie bei einer Gedenkstunde am Rednerpult steht. Ansonsten bleibt es still unter der Parlamentskuppel.

NS-Überlebende schildert Terror von Auschwitz

"Wir kamen an einem Sonntag an", sagt Friedman und meint damit die Ankunft in Auschwitz. Als die Nazis sie und ihre Familie ins KZ brachten, war Friedman fünf Jahre alt. "36 schreckliche Stunden der Dunkelheit" lagen hinter ihnen, eingesperrt in einem Viehwaggon. Dann gingen die Türen auf, und das plötzliche Sonnenlicht blendete sie. "Aber es war der Geruch, der mich überwältigte." Er kam vom Qualm der Krematorien.

Dass die Nazis Friedman und ihre Familie nicht sofort nach der Ankunft umgebracht haben, führt sie auf den Wochentag zurück. Die SS-Männer hätten sonntags nicht so hart arbeiten wollen, so schildert es die zierliche Frau. In vier Gaskammern sei an jenem Tag gemordet worden. "Und sie wollten keine fünfte aufmachen." Statt unmittelbar in den Tod geschickt zu werden, wurden sie also in eine Baracke getrieben. Ein Wunder, wie sie sagt.

Mutter von Friedman gab ihr Überlebensstrategien auf den Weg

Doch die Todesangst blieb. "Es ist unmöglich, den Hunger zu beschreiben." Kein Buch oder Film kann aus ihrer Sicht wirklich vermitteln, was es bedeutet, nichts zu essen zu haben. Oder so wenig, dass es gerade so dafür reicht, den Körper irgendwie am Leben zu halten. Ihre Mutter habe ihr dies eingeschärft: "Du darfst nicht weinen – egal, was dir zustößt." Denn Tränen würden die SS-Schergen als Schwäche auslegen. Und "schwache Kinder überleben nicht", so die Lektion der Mutter an diesem Ort des Schreckens.

Anderthalb Jahre später wurde das Konzentrationslager durch die Rote Armee befreit. "Gegen alle Wahrscheinlichkeit haben meine Mutter und ich überlebt", sagt Friedman. Die Erinnerung an das Grauen von Auschwitz begleitet sie bis heute. Und sie sieht darin einen Auftrag.

Friedman hält Erinnerung an NS-Zeit auch im Netz wach

Sie will den sechs Millionen jüdischen Menschen eine Stimme geben, die dem NS-Terror zum Opfer fielen. Als eine der wenigen Holocaust-Zeitzeugen der Gegenwart. Zusammen mit ihrem Enkel Aron, der diese Gedenkstunde im Bundestag von der Besuchertribüne aus verfolgt, betreibt Friedman einen Social-Media-Kanal. In kurzen Videos halten die beiden die Erinnerung an den Völkermord bei Jugendlichen wach. Damit erreichen sie mehr als 500.000 Menschen.

Friedman würdigt die deutschen Bemühungen, aus der Geschichte zu lernen. Sie spricht aber auch den wachsenden Antisemitismus an – in der Bundesrepublik und anderswo. Als Beispiel nennt sie ihren Enkel, der sich an seiner Uni in den USA nicht offen als Jude zu erkennen geben könne. Aus Angst vor Übergriffen.

Holocaust-Überlebende ruft zum Kampf gegen Antisemitismus auf

Gegen Ende ihrer Rede ruft sie den Abgeordneten und den Zuschauern an den Fernsehbildschirmen zu: "Lasst den Judenhass nicht größer werden." Dafür gibt es langen Applaus. Sie tritt neben das Pult, legt die rechte Hand aufs Herz. Ein Bild, das in Erinnerung bleiben wird.

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner nennt Friedmans Engagement ein "großes Geschenk an uns alle". Sie helfe, "das Unvorstellbare begreifbar zu machen". Auch die CDU-Politikerin warnt davor, dass der Antisemitismus weiter um sich greife. "Als Deutsche tragen wir alle eine besondere Verantwortung, dem wieder aufgekommenen Hass auf Juden entgegenzutreten."

Bevor Friedman den Plenarsaal nach der Gedenkstunde verlässt, überbringt sie den versammelten Spitzenpolitikern noch einen Wunsch. Sie sollten noch entschlossener und "ein wenig härter" gegen Antisemiten vorgehen, fordert die NS-Überlebende. So wie jetzt habe es auch in den 1930er Jahren begonnen, sagt Friedman. Der Ausruf "nie wieder" dürfe kein Slogan, sondern müsse eine andauernde Verpflichtung sein.

Zum Hören: Die 87-Jährige Holocaust-Überlebende Tova Friedman spricht im Bundestag

28.01.2026, Berlin: Holocaust-Überlebende Tova Friedman (l) spricht während einer Gedenkstunde im Deutschen Bundestag anlässlich des Holocaust-Gedenktags zu den Gästen.
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Tova Friedman hat als Kind den Holocaust überlebt. Die 87-Jährige hat heute im Bundestag vom damaligen Grauen berichtet.

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