Kurz vor der Mathestunde checkt die 13-jährige Sofia schnell noch ihre Nachrichten und Snapchat - dann muss ihr Handy bis zur Pause in einem Beutel verschwinden. Durch Druck auf einen Knopf wird die Tasche mit einem Magnetverschluss verriegelt. Öffnen lässt sich der Verschluss nur durch eine am Schuleingang installierte Entsperrvorrichtung. So hat die Achtklässlerin am Heinrich-Heine-Gymnasium in München ihr Handy zwar immer dabei, nur darauf schauen oder gar benutzen kann sie es nicht. Für sie ist die erzwungene Funkstille im Unterricht allerdings kein Fortschritt: "Für mich ist es ist schlimmer, wenn mein Handy eingesperrt ist, weil ich dann viel mehr diesen Drang dazu habe, es zu verwenden."
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Harte Maßnahme für die Schüler – aber laut Schulleitung notwendig
Sofia fühlt sich, wie viele andere Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums, ungerecht behandelt. Schließlich habe sie sich grundsätzlich an das Handy-Benutzungsverbot im Unterricht gehalten. Schuldirektor Marcus Sillober sah hingegen keine andere Möglichkeit als diese drastische Maßnahme. In seinem Kollegium brodelte es zuletzt immer heftiger: "Wir hatten im Lehrerkollegium einen großen Leidensdruck und den eigentlich schon seit Jahren. Immer wieder kam es zu Konflikten, jeden Tag wurden Handys eingesammelt, Kinder wurden auf den Toiletten erwischt", so beschreibt Sillober die Situation.
Handys bleiben in der eigenen Tasche – Nutzung wird kontrolliert
So wurde schulintern zunächst über verschiedene Möglichkeiten diskutiert, wie man Handys zuverlässig aus dem Unterricht verbannen kann. Schließfächer für 800 Schüler bräuchten Platz und wären schlicht zu teuer. Auch eine Sammelkiste wurde getestet. Die erwies sich allerdings nicht immer als praktikabel, etwa bei Unterricht in verschiedenen Räumen. Schließlich fiel die Entscheidung auf die Handytaschen einer amerikanischen Firma, die nach Angaben des Unternehmens bereits weltweit in Schulen im Einsatz sind. Der Vorteil: Die Schüler sind für die Aufbewahrung selbst verantwortlich, nur die Nutzung kann kontrolliert werden.
Lehrer beobachten positive Veränderungen bei Schülern
Für die Lehrer am Heinrich-Heine-Gymnasium haben sich seit der Einführung viele Dinge verändert: Es müssen viel weniger Handys eingesammelt werden, die Ablenkung der Schülerinnen und Schüler durch Smartphones sei massiv zurückgegangen. Kinder bis zur siebten Klasse, für die auch in den Pausen ein Handyverbot gilt, haben mehr sozialen Kontakt und spielen mehr miteinander.
Keine Handypartys mehr auf den Schultoiletten
Siebzehn Euro pro Schüler haben die Handytaschen gekostet – übernommen hat das die Stadt München. Doch wirklich sicher ist das System vor jugendlichem Experimentierdrang nicht. Natürlich haben die meisten Schüler und Schülerinnen schon längst herausgefunden, wie sie die Beutel auch ohne den Entsperrmechanismus aufbekommen. Dennoch ist Schulleiter Marcus Sillober von den Taschen überzeugt: "Der Konflikt ist im Wesentlichen raus, wir haben keine Handypartys mehr auf den Klos. Ein- bis zwei Mal in der Woche erwischen wir jemanden, aber im Vergleich zu vorher ist es ein großer Unterschied."
Sofia und ihre Mitschülerinnen und Mitschüler können den Enthusiasmus ihres Schuldirektors derzeit allerdings noch nicht teilen. Immerhin gibt es für sie ein Licht am Ende des Tunnels ohne Empfang: Ab der 12. Klasse müssen die Handys an ihrer Schule nicht mehr in der Tasche verbannt werden.
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