Verschiedene Social-Media-Apps auf einem Smartphone
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Ist der Höhepunkt von Social Media vorbei?

Ist der Höhepunkt von Social Media vorbei?

Soziale Medien wollen Orte der Vernetzung sein. Aber Zweifel an diesem Versprechen wachsen: Immer weniger Interaktion, mehr Bots und eine Flut von KI-Inhalten. Die Frage nach Alternativen wird lauter. Welche Zukunft haben soziale Medien?

Über dieses Thema berichtet: BR24 Medien am .

"Wenn man jedem eine Stimme und Menschen Macht gibt, wird das System meist zu einem wirklich guten Ort." Als Facebook-Chef Mark Zuckerberg das 2010 in einem Interview mit dem US-Sender ABC sagte, war die Plattform noch relativ jung. Soziale Netzwerke sollten Menschen verbinden, Austausch ermöglichen, neue Freundschaften entstehen lassen – das war zumindest der erklärte Anspruch. Facebook verstand sich, so Zuckerberg, als Plattform, deren "Rolle es ist, den Menschen diese Kraft zu geben".

Was ist von dem Ideal noch übrig? Die Frage, ob soziale Medien ihren Höhepunkt überschritten haben könnten, wird inzwischen offen diskutiert.

Weniger Austausch, mehr Beschallung

Die Medienwissenschaftlerin Alexandra Borchardt, die mit dem Reuters Institute for the Study of Journalism an der Universität Oxford zusammenarbeitet und Honorarprofessorin für Leadership und Digitalisierung an der TU München ist, beschreibt diese Entwicklung im Podcast BR24 Medien deutlich: "Am Ende haben nicht die Menschen gewonnen, sondern die Geschäftsmodelle."

Soziale Netzwerke seien immer stärker zu Konzernen geworden, "wo es darum geht, die Nutzenden einfach dauernd zu beschallen und sie am Ball bleiben zu lassen". Zwar dürfe man nicht unterschätzen, welche Rolle Facebook etwa in repressiven Regimen für Vernetzung gespielt habe. Gleichzeitig seien viele Nutzer vorsichtiger geworden und wüssten: "Alles, was wir posten, kann gegen uns verwendet werden."

Von Social Media zu "Binge-Media"

Auch Christian Simon vom Media Lab Bayern, der sich seit Jahren mit Innovationen in der Medienbranche beschäftigt, beobachtet einen Rückgang klassischer Social-Media-Nutzung: "Die Menschen posten weniger, vor allem weniger Privates."

Öffentliche Feeds würden zunehmend von professionellen Influencern oder KI-generierten Inhalten dominiert. Eine Auswertung der Financial Times (externer Link, Bezahlinhalt) kam zu dem Ergebnis, dass 2022 der vorläufige Höhepunkt war, was die Dauer der Social-Media-Nutzung anging – über alle Netzwerke hinweg. Seitdem sinken die Zahlen.

Alexandra Borchardt fasst diese Entwicklung sozialer Medien mit dem Begriff "Binge-Media" zusammen. "Der soziale Aspekt von Social Media – sich austauschen, vernetzen, mit Freunden Inhalte teilen – der hat sehr stark abgenommen." Stattdessen wüchsen Plattformen, "auf denen es darum geht, die Nutzenden möglichst lange in der Schleife zu halten". TikTok und YouTube funktionierten über endlose Abfolgen von Videos.

Aufmerksamkeit als Ware

Ein zentraler Faktor dieses Wandels ist künstliche Intelligenz. Christian Simon beschreibt, wie KI-generierte Inhalte die Plattformen fluten: "Die Ware ist eben nicht mehr die Interaktion oder der Spaß der User, sondern ihre Aufmerksamkeit."

Der US-Autor Cory Doctorow prägte für diese Entwicklung schon vor drei Jahren den Begriff "Enshittification" (externer Link, möglicherweise Bezahlinhalt). Er meint damit, dass sich Plattformen mit wachsendem Erfolg immer weiter von den Interessen der Nutzer entfernen und die Qualität der Inhalte sinkt – Hassrede und Falschinformationen nehmen zu. Deshalb wird auch ein Verbot von sozialen Medien für Jugendliche in immer mehr Ländern diskutiert.

Alternative Fediverse?

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung wird die Frage nach Alternativen öfter gestellt. Im Zentrum steht dabei das sogenannte Fediverse, ein Verbund unabhängiger sozialer Netzwerke. Christian Simon erklärt das Prinzip mit einem Vergleich: "Wenn ich meine Mail-Adresse habe bei GMX oder Web.de, kann ich ja trotzdem E-Mails empfangen von Leuten, die zum Beispiel bei Google Mail sind." Genauso funktioniere das Fediverse: gemeinsame Kommunikation über unterschiedliche Plattformen hinweg.

Netzwerke wie Mastodon, ein Microblogging-Dienst ähnlich wie Twitter, ermöglichten es Nutzern beispielsweise, einen Server zu wechseln, ohne ihr gesamtes Netzwerk zu verlieren. Das sei ein zentraler Unterschied zu klassischen Plattformen, bei denen Community und Reichweite fest an einen Anbieter gebunden sind, erklärt Christian Simon.

Ergänzung statt Ablösung

Generell warnen Alexandra Borchardt und auch Christian Simon aber davor, das Fediverse als neue Massenlösung zu überhöhen. Reichweiten seien noch begrenzt, auch wenn die vorhandene Nutzerschaft sehr engagiert sei. Mastodon hat weltweit aktuell über etwa 15 Millionen angemeldete Personen. Zum Vergleich: Instagram hat etwa zwei Milliarden, Facebook sogar über drei Milliarden. Entscheidend sei weniger die Ablösung der etablierten Plattformen, sondern eher eine Ergänzung.

Dieser Artikel ist erstmals am 7. Februar 2026 auf BR24 erschienen. Das Thema ist weiterhin aktuell. Daher haben wir diesen Artikel erneut publiziert.

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