Offiziell kritisiert der Kreml die militärische Absetzung und Verschleppung seines langjährigen Verbündeten durch die USA als herben Rückschlag, als Piraterie Donald Trumps, als "Wildwest-Politik" Washingtons. Doch der gewaltsame Sturz von Nicolàs Maduro spielt Wladimir Putin direkt in die Karten. Denn die Begründung des US-Präsidenten, warum er mit Gewalt in Venezuela eingegriffen und Maduro buchstäblich von der politischen Bühne entfernt hat, klingt wie ein fernes Echo aus dem Kreml: "Amerikas Dominanz der westlichen Hemisphäre (gemeint ist Mittel- und Südamerika) wird niemals mehr in Frage gestellt werden", erklärte Trump.
Russland wisse schon lange, dass "das Recht des Stärkeren" zählt
Das Verhalten des US-Präsidenten, so kommentierte der ehemalige Kremlberater Sergei Markov, "einfach den Präsidenten eines anderen Landes gestohlen" zu haben, zeige nur, dass "das Recht des Stärkeren" zähle. Russland wisse das schon lange, sagte Markov der Nachrichtenagentur Reuters.
Die Neuauflage der Monroe-Doktrin aus dem frühen 19. Jahrhundert, die Trump unter Hinweis auf seinen Vornamen gerne "Donroe-Doktrin" nenne, könnte aber auch anders interpretiert werden, so der Ex-Kremlberater: "Sind die Vereinigten Staaten wirklich bereit, die Vorherrschaft Russlands über die ehemalige Sowjetunion anzuerkennen?" Die Parallelen zwischen Putins jahrzehntelangem Machtanspruch auf Länder des früheren Sowjetreichs und Trumps Expansionsstreben gegenüber Venezuela, Kuba, Kolumbien und sogar Grönland bergen ein erhebliches Sicherheitsrisiko für die Weltgemeinschaft.
Maduros Sturz spielt Putin direkt in die Hände
Mit dem Verdikt, "wir werden das Land regieren", läuft Trump Gefahr, für seine Machtpolitik vergleichbare Begründungen zu liefern wie Putin. Trump hat seinen Machtanspruch in diesen Tagen unmissverständlich klar gemacht: Sofern souveräne Staaten über Rohstoffressourcen verfügen, die von "nationalem Sicherheitsinteresse" Amerikas seien, müssten sich diese Länder dem Druck Washingtons beugen.
Putins Behauptung lautet: Seine Invasion der Ukraine sei "eine Mission zur Befreiung der Bevölkerung dieses Landes". Zugleich meint Putin immer wieder glauben zu machen, die "Ukraine habe sich unrechtmäßig die von seinem Land geschaffene Infrastruktur angeeignet".
Trump begründete seine spektakuläre Militäraktion, ebenso fälschlich wie Putin im Fall der Ukraine, unter anderem mit den Worten: Maduro "habe den größten Diebstahl amerikanischen Eigentums in der Geschichte begangen, indem er die Ölindustrie verstaatlichte, die US-Unternehmen mit aufgebaut" hätten. Selbst wohlmeinende US-Experten, wie Michael Birnbaum von der "Washington Post", sehen Trumps Expansionsstreben mit größter Skepsis. Für die USA würde es nun schwieriger, Russland und China von ihren Nachbarn abzuhalten.
Das Schweigen der Europäer zugunsten der Ukraine
Die führenden Staats- und Regierungschefs der Europäischen Union üben sich mit Blick auf Trumps "Operation Maduro" in äußerster Zurückhaltung. Die rechtliche Lage sei komplex, Maduro sei ohnehin nicht der gewählte Präsident Venezuelas gewesen, es könnte durchaus zu einem demokratischen Neubeginn im erdölreichsten Land der Erde kommen. Es kommt ihnen nicht über die Lippen, massiv die Verletzung von internationalen Normen und der UN-Charta durch den US-Präsidenten zu kritisieren.
Sollten sie ihren Protest, wie von Teilen der europäischen Öffentlichkeit erhofft, lautstark artikulieren, könnte der wankelmütige US-Präsident die militärische Unterstützung für die Ukraine in Frage stellen oder gar einstellen, so die Sorge. Im BR formulierte es Jürgen Hardt, der außenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Fraktion, am Montagmorgen so: Wenn man wisse, dass man in diesem einen Punkt im Dissens mit dem US-Präsidenten stehe und der Hinweis auf das internationale Recht "nichts an der Lage ändert, muss man sich die Frage stellen, wie wichtig und sinnvoll es ist, darüber zu streiten", wenn man am Dienstag über die Zukunft der Ukraine rede. Was würde sich ändern, wenn "wir das lauthals beklagen?", so Hardt mit Blick auf die weitergehenden Drohungen Washingtons gegenüber Kolumbien und Kuba. "Die größte Baustelle, die wir haben, ist der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine." Es gelinge den Europäern, auf die USA Einfluss zu nehmen, dort, "wo es uns unmittelbar angeht".
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