Die offizielle Position der Volksrepublik China: Seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs bemühe sich Peking aktiv um Frieden in der Golfregion, sagt Regierungssprecherin Mao Ning. Außenminister Wang Yi habe deshalb 26 Telefonate mit Amtskollegen wichtiger Länder geführt. Aber ist die chinesische Position tatsächlich so klar?
Eine UNO-Resolution zur Öffnung der Straße von Hormus scheiterte am Veto von Russland und China. Und das, obwohl diese Blockade etwa die Hälfte der chinesischen Öl-Importe trifft – denn mehr noch als aus dem Iran bezieht China Öl aus anderen Golf-Staaten. Insgesamt zehn Prozent des chinesischen Energieverbrauchs sind von der iranischen Sperrung der Straße von Hormus betroffen.
Die Sperrung der Straße von Hormus nützt China
Dazu sagt Markus Taube, auf China spezialisierter Ökonom der Uni Duisburg-Essen: "China hat einfach noch Zeit. Die Verluste aus Erdöl-Importen aus der Straße von Hormus sind momentan noch zu bewältigen." Viel wichtiger als die Verluste durch die Blockade sei nämlich das strategische Ziel, die USA vorzuführen: "Umso länger die USA in diesem Morast, in diesem Sumpf steckenbleiben und das Problem nicht gelöst ist, umso besser ist es für China." Taube schätzt, dass eine kurzfristige Öffnung der Straße von Hormus ohne iranische Mautgebühren, nicht im chinesischen Interesse sei.
Nachdem nun aber die USA die Straße von Hormus ebenfalls sperren, gelangen auch iranische Öl-Lieferungen nicht mehr nach China. Das sind 13 Prozent der chinesischen Öl-Importe. Außenamtssprecher Guo Jiakun fordert nun freies Geleit für den Schiffsverkehr.
Weltherrschaft durch Technologie?
May-Britt Stumbaum aus Herrsching am Ammersee beobachtet als Sicherheitsexpertin seit langem China. Ihr "Spear Institute" berät unter anderem die EU. Im ARD-Podcast "Welt.Macht.China" [Link zu ARD Sounds] sagt sie: "Peking hat den Aufbau einer neuen alternativen Weltordnung im Blick." Anders als die USA mit ihrer Militärmacht, wolle sich China mit seiner Wirtschaftsmacht durchsetzen, seinen Technologien – wie dem Satellitennavigationssystem Beidou, der chinesischen Alternative zu GPS oder Galileo. Beidou sei immens wichtig im Irankrieg, sagt May-Britt Stumbaum. Weil Iran auf das chinesische System umgestiegen ist: "2025 war Iran Teil des GPS-Systems und die Amerikaner konnten die iranischen Drohnen stören, weil sie die Satelliten-Netzwerke kontrolliert haben. Das war dieses Jahr nicht mehr möglich."
Chinesische Firmen im Iran-Krieg
Die Regierung in Peking selbst halte sich raus aus dem Konflikt, so Stumbaum. Ganz anders dagegen chinesische Firmen: "Es gibt zum Beispiel die Firma Mizar Vision, die mit KI-gestützter Ziel-Identifikation sehr scharfe Bilder ins Internet stellt. Die nutzen dem Iran zum Zielen auf amerikanische Stützpunkte." Alles, was mindestens 24 Stunden am Boden stehe, sei als Ziel sehr genau erkennbar.
Die Satelliten der Firma Changguang Technologies lieferten bis auf fünfzig Zentimeter präzise Bilder. Bei solchen Firmen ließe sich eine Nähe zur chinesischen Volksbefreiungsarmee nachweisen, sagt Stumbaum.
Lektionen für Taiwan mit globalen Folgen?
Der Iran-Krieg zeige China, wie die USA kämpfen. Und er schwäche den Nachschub des US-amerikanischen Militärs. Was wiederum entscheidend sein könnte, falls Staats- und Parteichef Xi Jinping seine Drohung wahrmacht und Taiwan angreift – oder sich die Insel durch anderen Druck holen will. Sicherheitsexpertin Stumbaum: "Man hat gesehen bei der Straße von Hormus: 'Oh, Iran konnte diese ganze Straße schließen.' Als der schwächere Gegner, mit relativ wenig Aufwand."
Eine Blaupause für Taiwan? Durch die dortige Meerenge fahren 60 Prozent des globalen Container-Verkehrs. Stumbaum: "Wenn man die Taiwan-Straße schließen würde, wäre das ein wirtschaftlicher Aufschrei durch die ganze Welt. Und wann man das schafft, ohne Militär einzusetzen, dann wäre das natürlich ein enormes Druckmittel auf Seiten Chinas." Für eine neue Weltordnung, in der China die USA als Supermacht Nummer eins ablösen würde. Ökonom Markus Taube: "Im Grunde genommen muss man leider feststellen, dass in China wahrscheinlich täglich die Sektkorken knallen, weil sie sehen, wie ihr größter Konkurrent in der Weltwirtschaft sich selber zerlegt."
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