Eine Frau verlässt ihre Firma und checkt mit einer Chipkarte aus (Symbolbild).
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CDU-Vorstoß zu Recht auf Teilzeit stößt auf Kritik
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CDU-Vorstoß zu Recht auf Teilzeit stößt auf Kritik

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"Zurück in die Steinzeit": Kritik an CDU-Plänen zur Teilzeit

"Zurück in die Steinzeit": Kritik an CDU-Plänen zur Teilzeit

Der Wirtschaftsflügel der CDU will das Recht auf Teilzeit einschränken. Es soll nur noch bei bestimmten Gründen gelten – zum Beispiel zur Erziehung von Kindern oder zur Pflege von Angehörigen. Die Kritik daran kommt auch aus den eigenen Reihen.

Über dieses Thema berichtet: Bayern-2-Nachrichten am .

Schon Ende Februar will die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) der CDU beim Bundesparteitag einen Antrag einbringen, der den Anspruch auf Teilzeit neu regeln will. Das Papier, das BR24 vorliegt, hat den Titel: "Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit". Damit meint die MIT Arbeitnehmende, die Vollzeit arbeiten können, es aber nicht wollen. Das sei etwa jeder Vierte der Teilzeitbeschäftigten.

Antragsteller wollen Fachkräftemangel entgegenwirken

Die Autoren des Antrags meinen, dass Deutschland sich die vielen Teilzeitbeschäftigten nicht leisten könne, weil so viele Fachkräfte fehlen. Der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Marcel Fratzscher, warnte jedoch in der "Rheinischen Post": "Eine Einschränkung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit würde vielen Unternehmen und der deutschen Wirtschaft großen Schaden zufügen." Er befürchtet nämlich, dass die Beschäftigung dann eher zurückgeht und sich der Fachkräftemangel noch erhöht. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) arbeiten viele Teilzeitkräfte nicht freiwillig reduziert.

Zwar haben 2025 so viele Menschen in Teilzeit gearbeitet wie nie zuvor – nämlich rund 40 Prozent. Trotzdem ist das Arbeitsvolumen insgesamt nicht gesunken, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sagt. Demnach arbeiten Teilzeitbeschäftigte nämlich heute mehr Stunden als in früheren Jahren, zuletzt im Durchschnitt gut 18 Wochenstunden.

MIT: Teilzeitkräfte sorgen für Ungerechtigkeit

Außerdem sehen die Autoren des CDU-Antrags ein Gerechtigkeitsproblem: Wer in Teilzeit arbeitet, zahlt weniger Geld in die Sozialsysteme ein – zum Beispiel in die Kranken- und Rentenversicherung – nutzt aber die vollen Leistungen. Bei der Rente etwa stockt der Staat auf ein bestimmtes Niveau auf.

Deshalb sieht der MIT-Antrag vor, dass Teilzeitkräfte nur noch bei besonderen Gründen Sozialleistungen – wie Grundsicherung, Kinderzuschlag und Wohngeld – erhalten können. "Die Solidargemeinschaft darf nicht die Work-Life-Balance von Aufstockern finanzieren", hieß es.

Antrag: Anspruch auf Teilzeit nur aus wenigen Gründen

Nur in bestimmten Fällen soll Teilzeit dem CDU-Antrag zufolge erlaubt bleiben: Und zwar dann, wenn die Arbeitnehmenden sich um ihre Kinder oder um pflegebedürftige Angehörigen kümmern wollen oder wenn sie eine Fort- oder Weiterbildung anstreben.

Bei diesen Gründen sollen Arbeitgeber den Antrag nur aus gewichtigen betrieblichen Gründen ablehnen können. Wer vorübergehend in Teilzeit geht, soll anschließend jedoch automatisch zur vorherigen Stundenzahl zurückkehren.

Zum Video: Mehr arbeiten, weniger Freizeit? Was der Wirtschaftsflügel der Union will

Menschen auf einem Klinikflur bei der Arbeit.
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Mehr arbeiten, weniger Freizeit - das fordert der Wirtschaftsflügel der Union.

Breite Kritik an MIT-Papier – auch aus den eigenen Reihen

Kritik kommt von SPD-Fraktionsvize Dagmar Schmidt: Dieser Vorstoß schade dem Zusammenhalt in Deutschland. Statt "hart erkämpfte Arbeitnehmerrechte" zu schleifen, solle Deutschland mehr in Qualifizierung, Forschung und Entwicklung investieren. Der grüne Arbeitsmarktpolitiker Grau nannte den Begriff Lifestyle-Teilzeit "respektlos". Die Vorsitzende der Linkspartei, Ines Schwerdtner, sagte, Teilzeit sei kein Luxusproblem, "sondern oft die einzige Möglichkeit, um erwerbstätig zu bleiben". Und Anja Piel vom DGB warnte: "Dieser Vorschlag führt gleichstellungspolitisch zurück in die Steinzeit und ist auch arbeitsmarktpolitisch völlig am Ziel vorbei."

Auch aus den eigenen Reihen gibt es Kritik an dem CDU-Papier. Der Sozialflügel der CDU kritisierte etwa, dass der Antrag das Pferd von der falschen Seite aufzäumen wolle. Schließlich würden viele Arbeitnehmende in Teilzeit gerne Vollzeit arbeiten, so Dennis Radtke, der Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft, gegenüber den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Dafür müssen wir aber die Rahmenbedingungen bei Kinderbetreuung und Pflege verbessern."

Mit Informationen von dpa, epd und AFP

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Arbeitsmarktforscher Prof. Enzo Weber.
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Der Arbeitsmarktforscher Prof. Enzo Weber betont, dass jeder selbst entscheiden sollte, wie viel er arbeiten will.

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